Egert, Andreas
282 | September 2017

Chamfort und Lichtenberg

Die Blüte des europäischen Aphorismus

Im folgenden Vortrag geht es um die Untersuchung des Aphorismus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts anhand zweier prägender Protagonisten der Gattung. Nicolas Chamfort, der 1741 wie Blaise Pascal in Clermont-Ferrand zur Welt kommt, steht dabei schon in einer Tradition, die sich seit der Neuzeit vor allem in La Rochefoucauld, aber auch in Pascal und Montaigne manifestierte. Darauf folgten ein La Bruyère, Vauvenargues, Fontenelle und der Zeitgenosse Chamforts - Rivarol - anders in Deutschland, wo Georg Christoph Lichtenberg überhaupt erst den Grundstein der Gattungsgeschichte legt. Als Chamfort als Hauslehrer des Grafen von Eyck früh in die deutschen Lande nach Köln kommt, notiert er: „Ich wüßte nicht, wozu ich weniger taugte als zu einem Deutschen.“ Aus dieser Erfahrung reift abermals der Entschluss: „Nun zu uns beiden, Paris“ und er benennt sich kurzerhand in Sébastian Roch Nicolas de Chamfort um, nachdem er als Sébastian Nicolas von seiner wahren Mutter Jaqueline Cisternes de Vinzelles, die schon anderweitig verheiratet war, und dem einfachen Domherrn Pierre Nicolas als illegitimes Kind abgeschoben wurde - eine Kränkung, die man aber immer mitdenken muss, ohne sie zu über-  oder unterschätzen. 1750 kommt er erstmals nach Paris, um wiederholt einer der besten Schüler Frankreichs zu werden – als er aus der Enge des kirchlichen Schulalltags entkommen will, erwägt er nach Amerika zu fahren, um dann festzustellen: „Wie wäre es, wenn wir uns selbst erkundeten, bevor wir die Welt erkunden?“  [mehr]
Giebenhain, Manfred
281 | September 2017

Viel Geld für Negativ-Marketing ausgegeben

Ex-Landrat Dietrich Kübler muss sich vor Gericht verantworten

Seit Anfang Juli 2017 muss sich der frühere Landrat des Odenwaldkreises, Dietrich Kübler, vor dem Schöffengericht am Michelstädter Amtsgericht verantworten. Die Anklage lautet auf Untreue im Amt. Die Darmstädter Staatsanwaltschaft wirft dem heute 67jährigen vor, im Herbst 2011 nachweislich wiederholt widerrechtlich in das Vergabeverfahren zur Auswahl eines Bewerbers für einen Standortmarketingauftrag eingegriffen zu haben. Als die Manipulationen öffentlich bekannt wurden und einen politischen Wirbelsturm ausgelöst haben, blieb der Odenwaldkreis fünf Jahre später auf den Gesamtkosten sitzen. Lesen Sie hier einen Zwischenbericht zum Prozess. [mehr]
Dörwald, Uwe
280 | September 2017

Hybris, Macht und Naivität

Kommentar zum Untreue-Prozess gegen Ex-Landrat Kübler (Odenwaldkreis)

Gegen Ende des fünften Verhandlungstages wegen Untreue gegen den Ex-Landrat des Odenwaldkreises, Dietrich Kübler (ÜWG), meinte ein Kreisausschussmitglied vor dem Amtsgericht in Michelstadt halb im Scherz und halb im Ernst zu mir: „Wenn Sie etwas zu diesem Prozess schreiben, dann schreiben Sie etwas gutes. Sonst lässt man Sie vielleicht nicht mehr in den Odenwald rein. Den Odenwald verteidigen wir alle!“ So etwas geht einfach nicht, auch nicht (halb) im Scherz. Als ob der Odenwaldkreis eine Insel wäre. Was hier zum Ausdruck kommt, ist nicht nur eine gewisse Enge, sondern sicher auch eine Art von Gruppenbewusstsein zu einem Club der Anständigen zu gehören und es beschreibt das Phänomen, wie der Mensch überhaupt zu dem Zauberkunststück in der Lage ist, <<sich selbst blauen Dunst vorzumachen>> und das eigene Verhalten so oft für besser zu halten, als es ist. Ich frage mich, ob das nur ein gut gemeinter Ratschlag oder schon eine Drohung war? Sicher ist, der Kübler-Prozess sagt auch einiges über die Mentalität in einer Verwaltung aus. Die Mentalität, um die es geht, ist oft so geprägt, dass Transparenz eher mit Geheimnisverrat oder Illoyalität identifiziert wird als mit offenem Dialog. Strukturen in (manchen) Verwaltungen, dies wird durch diesen Prozess auch deutlich, haben mit demokratischem Bewusstsein oder Streitkultur wenig zu tun, aber viel mit Korpsgeist. Deutlich wird auch, dass die Wahrnehmung von (manchen) Politikern als Respektpersonen der Vergangenheit angehört oder zumindest stark leidet, nicht zuletzt, weil politische Entscheidungen zunehmend innerhalb eines kleinen Kreises und scheinbar unter Wahrung persönlicher Interessen und finanzieller Vorteile ausgehandelt werden. Man soll sich nichts vormachen, in der Nähe von Orten der Macht gibt es immer Filz und Seilschaften. Und ein Landratsamt kann ein solcher Ort sein.
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Steierwald, Ulrike
279 | August 2017

Was ist „gute” Lehre?

If it’s really really real …

Als sich die Leuphana, eine der kleinen und jungen Universitäten in Deutschland, vor etwa zwei Jahrzehnten neu definierte, stand der Wille zu besonderer „Qualität“ einer interdisziplinär ausgerichteten Lehre im Mittelpunkt. Der Bologna-Prozess wurde im Unterschied zu anderen Hochschulen modellartig gefasst und führte zu einer umfassenden Neustrukturierung der Lüneburger Universität. Nicht nur die vier Fakultäten Bildung, Kultur, Nachhaltigkeit und Wirtschaft, sondern insbesondere die fakultätsübergreifenden Schools – College, Graduate und Professional School – sollten eine interdisziplinäre wissenschaftliche Ausrichtung in Lehre, Forschung und Transfer sowie ein Zusammendenken dieser drei grundlegenden universitären Aufgabenbereiche in allen Studiengängen garantieren, vor allem im Bachelor. Das sogenannte Leuphana-Semester ist für die Studienanfänger/innen der Einstieg in die Wissenschaft. Alle Studierenden haben im modularen Lehrangebot des ersten Semesters dasselbe fächerübergreifende Wahlprogramm, das die unterschiedlichen Methoden, Denkweisen und Verstehensprozesse der Wissenschaften grundlegend vermitteln soll. (...) Das College der Leuphana wurde 2017 zehn Jahre alt; jedenfalls hat man in dem sehr dynamischen und immer wieder sich revidierenden Entwicklungsprozess dieser Uni ein Jubiläumsjahr gefunden, in dem gefeiert werden soll und darf. Höchste Zeit auch für mich als Dekanin, zurückzublicken und die mit dem Studienmodell verbundenen Ideale „guter“ Lehre zu reflektieren. [mehr]
Rainer, Ulrike
278 | August 2017

Life in the United States - 17

Vermont - Der spezielle Staat

Wie kommt es, dass aus einem Staat grundsätzlich konservativer Bauern einer der liberalsten Staaten wurde? Schließlich ist der einzige sozialistische Senator in Washington Bernie Sanders, der 2016 als Außenseiterkandidat der Präsidentschaftswahl besonders von der Jugend begeistert gefeiert wurde. 2007 waren dreiviertel aller Vermonter gegen den Krieg im Irak, und 2000 war der Staat der erste überhaupt, der Civil Unions (Gleichberechtigung für gleichgeschlechtliche Partner) gesetzlich verankerte. Und in den späten 1960iger Jahren brach eine größere Anzahl von stadtmüden Menschen auf, um in Vermont ein neues Leben zu beginnen. Kommunen von Künstlern und Aussteigern sproßen wie Pilze aus der Landschaft. Zurück zur Natur war das Motto. Alte verfallende Höfe verwandelten sich in Ateliers, brachliegende Felder wurden zu Gemüsegärten. Die singende Trapp Familie aus Österreich baute in Stowe eine Tirolerhütte und eröffnete ein Skigebiet. Adolf Busch und Rudolf Serkin gründeten in einer Scheune das Marlboro Music Festival, bei dem bis heute jeden Sommer talentierte Nachwuchsmusiker wunderbar Kammermusik spielen. Der deutsche Bäcker und Bildhauer Peter Schumann packte sein Bread and Puppet Theater in New York in Umzugskisten und packte die riesigen Puppen in Glover wieder aus. [mehr]
Dietz, Angela
277 | August 2017

NIBELUNGEN-FESTSPIELE WORMS 2017 (2)

Eine wüste Zugfahrt nach Bagdad

Es fährt ein Zug nach Bagdad. Vorerst steht er auf den Schienen in 70 Tonnen Sand vor dem Westportal des Wormser Doms. Ein gestrichener Baßton stimmt auf das drohende Unheil ein. Dazu passt Bühnenbauerin Irina Schickedanz` schiefe Ebene hinter dem Bahnsteig, auf der „es kein Halten mehr“ gibt. Im zweiten Akt kommt sie als Spielfläche für den Tenor Bassem Alkhouri und die Sopranistin Nadja Michael zum vollen Einsatz. Nach Gemetzel und Gold verlegen Autor Albert Ostermeier und Regisseur Nuran David Calis den dritten Teil ihrer Nibelungen Trilogie kurzerhand nach Arabien. [mehr]
Hoppe-Dörwald, Dorothea
276 | August 2017

NIBELUNGEN-FESTSPIELE WORMS 2017 (1)

Neben der Spur: GLUT - Siegfried von Arabien.

Mit "GLUT. Siegfried von Arabien." findet die Trilogie von Albert Ostermaier bei den Nibelungen-Festspielen 2017 in Worms ihren Abschluss. Wie in den beiden letzten Jahren auch endet das Stück am Hof von König Etzel, auch diesmal wieder mit einem Gemetzel. Eine historische Begebenheit inspirierte Albert Ostermaier, den Stückeschreiber, maßgeblich. Die Tatsache, dass eine militärische Operation stattfand, bei der die Beteiligten wirklich und als Theatergruppe verkleidet ins osmanische Reich reisten, war - so Albert Ostermaiers Erklärung -  der ideale Stoff, weil für ihn diese Reise in die Vergeblichkeit mit der Reise der Nibelungen an den Hof König Etzels vergleichbar war. Beide Reisen waren von Anfang an zum Scheitern verurteilt. [mehr]
SIRI 17
275 | Juli 2017

Depeschen aus der Kapitale - 5

Die doppelte Sibylle: Über die Fotografin Sibylle Bergemann.

Warum nur, frage ich mich, hat keine der Chefredakteurinnen der zahlreichen Frauenzeitschriften auf dem späteren gesamtdeutschen Zeitungsmarkt sich etwas von S. Bergemann abgekupfert? Warum müssen wir im Jahr 2017 immer noch in diese leicht dümmlichen Model-Gesichter schauen? Ganz zu schweigen davon, dass man mit Bergemanns Modefoto-Stil sicherlich Heidi Klum und ihr sexistisches, sozialdarwinistisches Germanys next Topmodel verhindert hätte. Ganz im Gegensatz zu Fotos mit heutigen Models haben alle Frauen bei Sibylle Bergemann Selbstbewusstsein, Stolz, Kraft und trotzdem ein Geheimnis. Ach, was sage ich, man möchte gleich einen Roman schreiben, wenn man die beiden schönen Missmutigen auf Rügen betrachtet. Sofort bekommt Nina Hagens großer Hit einen anderen Sinn. Hier hat jemand ganz bewusst den Farbfilm vergessen, (...) So ging es mir mit allen anderen Fotos der Bergemann auch, ich sah etwas, was ich mir früher immer wünschte, als ich es mir noch leisten konnte, monatlich die Vogue zu kaufen: Frauen durften schön UND klug, werktätig UND begehrenswert sein. Es gab keine Anleitung, keine Vorgaben, die Bergemann holte aus den Frauen das heraus, was sie schon längst in sich trugen. [mehr]
Dörwald, Uwe
274 | Juni 2017

Voskuils Roman DAS BÜRO

Ein Ort ohne Abenteuer

Büros können seelenlose und freudlose Orte sein. Büros sind in der modernen Gesellschaft auch Orte, die manchmal mit einem Haufen von Tölpeln besetzt sind, die sonst nirgendwo mehr einen Job bekommen würden. In manchen Büros wird gemobbt und gefaulenzt. Es wird Arbeit verschoben oder gleich ganz liegen gelassen. Manchmal werden auch Dinge erledigt, vorzugsweise dann, wenn es brennt. Voskuils Romanzyklus DAS BÜRO nimmt sich diesen Ort der Moderne, an dem unzählige Menschen arbeiten und viel Zeit verbringen, vor. Man bekommt intime Einblicke in die Abläufe einer (modernen) Arbeitsorganisation, wie man sie sonst nur bekommt, wenn man selbst Teil dieser Organisation ist und ein Dasein in einem ähnlichen geistigen Vakuum zwischen Eingangskörbchen und Ausgangskörbchen fristet. [mehr]
Dörwald, Uwe
273 | Juni 2017

DER MARNER UND DER PRÄSIDENT

Von Strophen und Tweets: Eine kleine Polemik zur Lüge in postfaktischen Zeiten.

In dieser kurzen Polemik geht es um Strophen, Tweets und Alarmismus. Es geht um Aufgeregtheit, Gereiztheit, unterschwellige Aggression und Nervosität auf Social-Media Plattformen. Es geht aber auch um die Schönheit und die Klarheit und die Ausdruckskraft der mittelhochdeutschen Sprache. Denn wir begegnen dem MARNER, einem gebildeten Berufsdichter, der u.a. über die Lüge dichtete, wobei wir unwillkürlich an einen bestimmten Präsidenten und seinen Account bei Twitter denken müssen. Und es geht um einen kleinen Abschied vom GRUNDRAUSCHEN. [mehr]