SIRI 17
287 | Oktober 2017

Depeschen aus der Kapitale - 6

Panda-Manie in BÄRlin

Als die beiden Pandabären im Juli 2017 aus der selbst ernannten chinesischen Panda-Hauptstadt Chengdu in den Berliner Zoologischen Garten transportiert wurden, gab es schon im Vorfeld Sondersendungen. Diese Ehre ist sonst nur hohen Politikern vergönnt, wenn sie Berlin besuchen. Im regionalen RBB-Fernsehen konnte man die Ankunft der Pandabären auf dem Schönefelder Flughafen sowie die Fahrt in den Zoo live verfolgen. Die Aktion dauerte drei Stunden. Zum letzten Mal sah ich diese Art Sendung 1992, als der Sarg von Marlene Dietrich aus Paris kommend vom Flughafen Tegel auf den Friedhof im Berliner Stadtteil Friedenau überführt wurde. Wie immer bei diesen Live-Sendungen waren Experten dazwischengeschaltet, die statistisch brillierten: 100 kg das Männchen, 30-40 kg Bambus-Futter pro Tag, nur noch 1864 Pandas weltweit. [mehr]
Dörwald, Uwe
286 | Oktober 2017

Die Menschen zahlen immer die Rechnung

Über den dokumentarischen Bildband „The Human Cost of Agrotoxins“ von Pablo E. Piovano

Glyphosat ist ein Unkrautvernichtungsmittel und Glyphosat ist in nahezu allen Lebensmitteln zu finden. Hersteller sagen dann immer und gebetsmühlenhaft, die Menge des Giftes, die gefunden wird, sei unbedenklich im Rahmen der Grenzwerte, aber es gebe natürlich immer etwas, das verbessert werden könnte. Forscher erwidern, die offiziellen Grenzwerte seien überholt und müssten verschärft werden. Die Diskussion um den Einsatz von Glyophosat-Herbiziden kocht bei uns immer dann hoch, wenn Rückstände des Herbizids in Lebensmitteln wie zum Beispiel in Edelmarken wie dem Speiseeis von Ben und Jerry’s gefunden wurden. Die Folgen des Einsatzes von Glyphosat-Herbiziden auf genetisch modifizierte Nutzpflanzen in Argentien hat der Fotograf Pablo E. Piovano dokumentiert. Diese Folgen, also die menschlichen Kosten des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln, sind erschreckend und bedrückend zugleich. [mehr]
Frühauf, Swetlana
285 | Oktober 2017

Leadership im Changemanagement

Über den Einfluß und die Bedeutung von Führungsstilen

„... man erlebt in den erzwungenen menschlichen Kontakten an seinem Arbeitsplatz Dinge, die irgendwie nicht stimmig sind, d.h. jemand tut etwas außerhalb des Rahmens, dem man ihm zugewiesen hat. Man schiebt diese Dinge weg, aber man hält sie doch fest und erinnert sich später daran.“ Der niederländische Schriftsteller Voskuil, der Autor von „Das Büro“, sagte diesen Satz einmal in einem Interview. Der Satz betrifft die Zumutungen, mit denen man es an manchen Arbeitsplätzen zu tun hat. Zu diesen Zumutungen gehören auch Dinge wie die, dass es Menschen gibt, die ihren Beruf nicht hinreichend ernst nehmen. Ermöglicht wird dies mitunter durch Gewährenlassen und dadurch, dass keine Grenzen gesetzt werden. Letzteres nun hat etwas mit dem Thema des Beitrags zu tun. Denn LEADERSHIP bedeutet auch immer ein Setzen von Grenzen und ein Bestimmen von Freiräumen. Der Text ist ein Auszug aus einer Examensarbeit mit dem Thema „Changemanagement im internationalen Vergleich: Der Einfluss der Führungsstile im deutschen und im russischen Kontext.“, die 2017 im Studiengang International Business Administration and Foreign Trade an der Hochschule Worms vorgelegt wurde. [mehr]
Kiss, Endre
284 | Oktober 2017

Essay über die neue Globalisation

Um die aktuellen und, wie gesagt, „alltäglichen” Prozesse im allgemeinen Sinne des Wortes (es geht also keineswegs um hermeneutische Spitzfindigkeiten angesichts extrem komplexer Tatbestände) zu verstehen, sollten die gewöhnlichen Akteure unserer Zeit ein Zeitalter sich vergegenwärtigen, das aus unendlich vielen kleinen Facetten besteht, weit auf dem ganzen Globus verstreut geschieht, auf vielen Sprachen läuft und aufgearbeitet wird, wegen des enormen Ausmasses der Informationsmengen überhaupt nicht begreifbar ist, dazu noch im Kontext einer Vielheit alter und neuer, bekannter und noch unerkannter Ideologien konzeptualisiert wird. Das ist aber noch nicht alles. Man kann mit gutem Recht vorausschicken (angesichts der umfassenden hermeneutischen Notwendigkeiten, „antizipieren”), dass diese konkrete Gegenwart, dieser konkrete Zustand der Globalisation extrem komplex, ferner historisch präzedenzlos existiert, zahlreiche Fakten hinter der Oberfläche versteckt sind (zum Teil unbeabsichtigt wegen des enormen Ausmasses des Informationsverkehrs, zum Teil willentlich, wegen partikulären Interessen, zum Teil aber auch wegen der juristischen Grosszügigkeit der weit angesetzten persönlichen Rechte). Die konkrete Gegenwart wird von zahlreichen Momenten, Fakten und vielfachen weiteren Realprozessen reproduziert, die der Grundgesinnung der letzten dreissig Jahre entgegenstehen. In diesem Zeitalter (um mit einer gewissen Vereinfachung die These übersichtlich zu machen, wir würden den Anfang dieser welthistorischen Periode auf 1989 setzen) war es dem Bürger der Weltgeschichte möglich gemacht, sich auch längerfristig mit der führenden Linie der Geschichte zu identifizieren. Nach langen und qualvollen historischen Perioden erfolgte diese grundsätzliche Modifizierung der sozialen Grundgesinnung, in denen dieser Bürger der Weltgeschichte sich gegen den Mainstream stemmen musste, in denen er seine Grundwerte stets mit den grössten Opfern verwirklichen konnte und – es wäre unmoralisch, darüber zu schweigen - in denen er oft für sein nacktes Überleben kämpfen musste. [mehr]
Brose, Thomas
283 | September 2017

Plädoyer für Zeitverschwendung

„Fast alle meine Handlungen waren vorläufig, unfertig und ohne ein allgemeines Ziel. Vielleicht hing ich an zu vielen Dingen und wollte nicht festgenagelt werden. Es gab lange Phasen der Einsamkeit und Langeweile.“, schreibt Paul Feyerabend (1924-1994) in seiner Autobiografie. Der Philosoph und Physiker hat seinem letzten Buch einen verblüffenden Titel gegeben: ZEITVERSCHWENDUNG. [mehr]
Egert, Andreas
282 | September 2017

Chamfort und Lichtenberg

Die Blüte des europäischen Aphorismus

Im folgenden Vortrag geht es um die Untersuchung des Aphorismus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts anhand zweier prägender Protagonisten der Gattung. Nicolas Chamfort, der 1741 wie Blaise Pascal in Clermont-Ferrand zur Welt kommt, steht dabei schon in einer Tradition, die sich seit der Neuzeit vor allem in La Rochefoucauld, aber auch in Pascal und Montaigne manifestierte. Darauf folgten ein La Bruyère, Vauvenargues, Fontenelle und der Zeitgenosse Chamforts - Rivarol - anders in Deutschland, wo Georg Christoph Lichtenberg überhaupt erst den Grundstein der Gattungsgeschichte legt. Als Chamfort als Hauslehrer des Grafen von Eyck früh in die deutschen Lande nach Köln kommt, notiert er: „Ich wüßte nicht, wozu ich weniger taugte als zu einem Deutschen.“ Aus dieser Erfahrung reift abermals der Entschluss: „Nun zu uns beiden, Paris“ und er benennt sich kurzerhand in Sébastian Roch Nicolas de Chamfort um, nachdem er als Sébastian Nicolas von seiner wahren Mutter Jaqueline Cisternes de Vinzelles, die schon anderweitig verheiratet war, und dem einfachen Domherrn Pierre Nicolas als illegitimes Kind abgeschoben wurde - eine Kränkung, die man aber immer mitdenken muss, ohne sie zu über-  oder unterschätzen. 1750 kommt er erstmals nach Paris, um wiederholt einer der besten Schüler Frankreichs zu werden – als er aus der Enge des kirchlichen Schulalltags entkommen will, erwägt er nach Amerika zu fahren, um dann festzustellen: „Wie wäre es, wenn wir uns selbst erkundeten, bevor wir die Welt erkunden?“  [mehr]
Giebenhain, Manfred
281 | September 2017

Viel Geld für Negativ-Marketing ausgegeben

Ex-Landrat Dietrich Kübler muss sich vor Gericht verantworten

Seit Anfang Juli 2017 muss sich der frühere Landrat des Odenwaldkreises, Dietrich Kübler, vor dem Schöffengericht am Michelstädter Amtsgericht verantworten. Die Anklage lautet auf Untreue im Amt. Die Darmstädter Staatsanwaltschaft wirft dem heute 67jährigen vor, im Herbst 2011 nachweislich wiederholt widerrechtlich in das Vergabeverfahren zur Auswahl eines Bewerbers für einen Standortmarketingauftrag eingegriffen zu haben. Als die Manipulationen öffentlich bekannt wurden und einen politischen Wirbelsturm ausgelöst haben, blieb der Odenwaldkreis fünf Jahre später auf den Gesamtkosten sitzen. Lesen Sie hier einen Zwischenbericht zum Prozess. [mehr]
Dörwald, Uwe
280 | September 2017

Hybris, Macht und Naivität

Kommentar zum Untreue-Prozess gegen Ex-Landrat Kübler (Odenwaldkreis)

Gegen Ende des fünften Verhandlungstages wegen Untreue gegen den Ex-Landrat des Odenwaldkreises, Dietrich Kübler (ÜWG), meinte ein Kreisausschussmitglied vor dem Amtsgericht in Michelstadt halb im Scherz und halb im Ernst zu mir: „Wenn Sie etwas zu diesem Prozess schreiben, dann schreiben Sie etwas gutes. Sonst lässt man Sie vielleicht nicht mehr in den Odenwald rein. Den Odenwald verteidigen wir alle!“ So etwas geht einfach nicht, auch nicht (halb) im Scherz. Als ob der Odenwaldkreis eine Insel wäre. Was hier zum Ausdruck kommt, ist nicht nur eine gewisse Enge, sondern sicher auch eine Art von Gruppenbewusstsein zu einem Club der Anständigen zu gehören und es beschreibt das Phänomen, wie der Mensch überhaupt zu dem Zauberkunststück in der Lage ist, <<sich selbst blauen Dunst vorzumachen>> und das eigene Verhalten so oft für besser zu halten, als es ist. Ich frage mich, ob das nur ein gut gemeinter Ratschlag oder schon eine Drohung war? Sicher ist, der Kübler-Prozess sagt auch einiges über die Mentalität in einer Verwaltung aus. Die Mentalität, um die es geht, ist oft so geprägt, dass Transparenz eher mit Geheimnisverrat oder Illoyalität identifiziert wird als mit offenem Dialog. Strukturen in (manchen) Verwaltungen, dies wird durch diesen Prozess auch deutlich, haben mit demokratischem Bewusstsein oder Streitkultur wenig zu tun, aber viel mit Korpsgeist. Deutlich wird auch, dass die Wahrnehmung von (manchen) Politikern als Respektpersonen der Vergangenheit angehört oder zumindest stark leidet, nicht zuletzt, weil politische Entscheidungen zunehmend innerhalb eines kleinen Kreises und scheinbar unter Wahrung persönlicher Interessen und finanzieller Vorteile ausgehandelt werden. Man soll sich nichts vormachen, in der Nähe von Orten der Macht gibt es immer Filz und Seilschaften. Und ein Landratsamt kann ein solcher Ort sein.
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Steierwald, Ulrike
279 | August 2017

Was ist „gute” Lehre?

If it’s really really real …

Als sich die Leuphana, eine der kleinen und jungen Universitäten in Deutschland, vor etwa zwei Jahrzehnten neu definierte, stand der Wille zu besonderer „Qualität“ einer interdisziplinär ausgerichteten Lehre im Mittelpunkt. Der Bologna-Prozess wurde im Unterschied zu anderen Hochschulen modellartig gefasst und führte zu einer umfassenden Neustrukturierung der Lüneburger Universität. Nicht nur die vier Fakultäten Bildung, Kultur, Nachhaltigkeit und Wirtschaft, sondern insbesondere die fakultätsübergreifenden Schools – College, Graduate und Professional School – sollten eine interdisziplinäre wissenschaftliche Ausrichtung in Lehre, Forschung und Transfer sowie ein Zusammendenken dieser drei grundlegenden universitären Aufgabenbereiche in allen Studiengängen garantieren, vor allem im Bachelor. Das sogenannte Leuphana-Semester ist für die Studienanfänger/innen der Einstieg in die Wissenschaft. Alle Studierenden haben im modularen Lehrangebot des ersten Semesters dasselbe fächerübergreifende Wahlprogramm, das die unterschiedlichen Methoden, Denkweisen und Verstehensprozesse der Wissenschaften grundlegend vermitteln soll. (...) Das College der Leuphana wurde 2017 zehn Jahre alt; jedenfalls hat man in dem sehr dynamischen und immer wieder sich revidierenden Entwicklungsprozess dieser Uni ein Jubiläumsjahr gefunden, in dem gefeiert werden soll und darf. Höchste Zeit auch für mich als Dekanin, zurückzublicken und die mit dem Studienmodell verbundenen Ideale „guter“ Lehre zu reflektieren. [mehr]
Rainer, Ulrike
278 | August 2017

Life in the United States - 17

Vermont - Der spezielle Staat

Wie kommt es, dass aus einem Staat grundsätzlich konservativer Bauern einer der liberalsten Staaten wurde? Schließlich ist der einzige sozialistische Senator in Washington Bernie Sanders, der 2016 als Außenseiterkandidat der Präsidentschaftswahl besonders von der Jugend begeistert gefeiert wurde. 2007 waren dreiviertel aller Vermonter gegen den Krieg im Irak, und 2000 war der Staat der erste überhaupt, der Civil Unions (Gleichberechtigung für gleichgeschlechtliche Partner) gesetzlich verankerte. Und in den späten 1960iger Jahren brach eine größere Anzahl von stadtmüden Menschen auf, um in Vermont ein neues Leben zu beginnen. Kommunen von Künstlern und Aussteigern sproßen wie Pilze aus der Landschaft. Zurück zur Natur war das Motto. Alte verfallende Höfe verwandelten sich in Ateliers, brachliegende Felder wurden zu Gemüsegärten. Die singende Trapp Familie aus Österreich baute in Stowe eine Tirolerhütte und eröffnete ein Skigebiet. Adolf Busch und Rudolf Serkin gründeten in einer Scheune das Marlboro Music Festival, bei dem bis heute jeden Sommer talentierte Nachwuchsmusiker wunderbar Kammermusik spielen. Der deutsche Bäcker und Bildhauer Peter Schumann packte sein Bread and Puppet Theater in New York in Umzugskisten und packte die riesigen Puppen in Glover wieder aus. [mehr]