SIRI 17
275 | Juli 2017

Depeschen aus der Kapitale - 5

Die doppelte Sibylle: Über die Fotografin Sibylle Bergemann.

Warum nur, frage ich mich, hat keine der Chefredakteurinnen der zahlreichen Frauenzeitschriften auf dem späteren gesamtdeutschen Zeitungsmarkt sich etwas von S. Bergemann abgekupfert? Warum müssen wir im Jahr 2017 immer noch in diese leicht dümmlichen Model-Gesichter schauen? Ganz zu schweigen davon, dass man mit Bergemanns Modefoto-Stil sicherlich Heidi Klum und ihr sexistisches, sozialdarwinistisches Germanys next Topmodel verhindert hätte. Ganz im Gegensatz zu Fotos mit heutigen Models haben alle Frauen bei Sibylle Bergemann Selbstbewusstsein, Stolz, Kraft und trotzdem ein Geheimnis. Ach, was sage ich, man möchte gleich einen Roman schreiben, wenn man die beiden schönen Missmutigen auf Rügen betrachtet. Sofort bekommt Nina Hagens großer Hit einen anderen Sinn. Hier hat jemand ganz bewusst den Farbfilm vergessen, (...) So ging es mir mit allen anderen Fotos der Bergemann auch, ich sah etwas, was ich mir früher immer wünschte, als ich es mir noch leisten konnte, monatlich die Vogue zu kaufen: Frauen durften schön UND klug, werktätig UND begehrenswert sein. Es gab keine Anleitung, keine Vorgaben, die Bergemann holte aus den Frauen das heraus, was sie schon längst in sich trugen. [mehr]
Dörwald, Uwe
274 | Juni 2017

Voskuils Roman DAS BÜRO

Ein Ort ohne Abenteuer

Büros können seelenlose und freudlose Orte sein. Büros sind in der modernen Gesellschaft auch Orte, die manchmal mit einem Haufen von Tölpeln besetzt sind, die sonst nirgendwo mehr einen Job bekommen würden. In manchen Büros wird gemobbt und gefaulenzt. Es wird Arbeit verschoben oder gleich ganz liegen gelassen. Manchmal werden auch Dinge erledigt, vorzugsweise dann, wenn es brennt. Voskuils Romanzyklus DAS BÜRO nimmt sich diesen Ort der Moderne, an dem unzählige Menschen arbeiten und viel Zeit verbringen, vor. Man bekommt intime Einblicke in die Abläufe einer (modernen) Arbeitsorganisation, wie man sie sonst nur bekommt, wenn man selbst Teil dieser Organisation ist und ein Dasein in einem ähnlichen geistigen Vakuum zwischen Eingangskörbchen und Ausgangskörbchen fristet. [mehr]
Dörwald, Uwe
273 | Juni 2017

DER MARNER UND DER PRÄSIDENT

Von Strophen und Tweets: Eine kleine Polemik zur Lüge in postfaktischen Zeiten.

In dieser kurzen Polemik geht es um Strophen, Tweets und Alarmismus. Es geht um Aufgeregtheit, Gereiztheit, unterschwellige Aggression und Nervosität auf Social-Media Plattformen. Es geht aber auch um die Schönheit und die Klarheit und die Ausdruckskraft der mittelhochdeutschen Sprache. Denn wir begegnen dem MARNER, einem gebildeten Berufsdichter, der u.a. über die Lüge dichtete, wobei wir unwillkürlich an einen bestimmten Präsidenten und seinen Account bei Twitter denken müssen. Und es geht um einen kleinen Abschied vom GRUNDRAUSCHEN. [mehr]
Dörwald, Uwe
272 | Mai 2017

Ungebremst gegen die Wand

Lobbyismus und Bildungsreformen

Schraipsd du widu schprichsd? Mittels einer alten, aber politisch wirkungsvollen Berater- bzw- Lobbyistenweisheit - Man darf die Frösche nicht fragen, wenn man ihren Teich austrocknen will. - zeigt Josef Kraus in seinem Buch "Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt" (2017), wer die Treiber, die Nutznießer und die Opfer von Schulreformen sind und er beschreibt klar und deutlich, was Schulreformen bringen und was sie nicht leisten können. [mehr]
SIRI 17
271 | Mai 2017

Depeschen aus der Kapitale - 4

Über Obdachlosigkeit

Obwohl die Zahl der Obdachlosen in den vergangenen Jahren stetig gestiegen ist, führt die Bundesregierung selbst keine eigene Statistik über wohnungslose Menschen in unserem (reichen) Land. Dies ist Grund genug, das Problem anhand eines Beitrags unserer Hauptstadt-Korrespondentin zu verdeutlichen. [mehr]
Dörwald, Uwe
270 | April 2017

Anmerkungen zum Pflege- und Gesundheitssystem

... es bleibt die Feststellung, dass in dem beschriebenen Fall die Unzulänglichkeiten überwiegen und dass man als Angehöriger mit Fragen (zu oft) alleine gelassen wird. Dies gilt auch für die Pflegekasse(n), bei der wegen jeder Kleinigkeit umfangreiche Formulare ausgefüllt werden müssen und bei der ich inzwischen mehr als 15 verschiedene Ansprechpartner habe, was auch für Mängel im bürokratischen und organisatorischen Ablauf spricht. Das fein gewobene bürokratische Netz aus Zuständigkeiten und Unzuständigkeiten zermürbt. Gesundheit und Pflege gehören nicht zu den Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, die man (nur) verwalten und nach betriebswirtschaftlichen Kriterien oder Kosten-Nutzen-Kalkülen organisieren kann. Kliniken und auch Pflegeeinrichtungen sind keine normalen Unternehmen, ... [mehr]
Rainer, Ulrike
269 | April 2017

Life in the United States - 16

Rhode Island - Der kleinste Staat

Es ist selten, daß Dichter auch Städtegründer sind. Roger Williams war beides. Aber er war noch mehr: Er war Pastor und Linguist, einer der Wenigen, die die Sprache der Indianer lernten. Für ihn waren die Narragansetts und Wampanoags weder geringwertig noch unzivilisiert, sondern er glaubte fest, daß “die Natur keinen Unterschied in Ursprung, Geburt und Körper zwischen Europäern und Indianern kennt”. Mit dieser Einstellung erntete er das Vertrauen und die Freundschaft der Indianer aber die Feindschaft des Königs, weil er in einer Schmähschrift forderte, daß die Siedler für das Land der Indianer bezahlen müßten, anstatt es sich einfach unverschämt unter den Nagel zu reißen. Ihm selbst brachte die Freundschaft der Narragansetts Gewinn. Sie schenkten ihm das Land: ”Die Wahrheit ist, daß [sie] keinen Pfennig verlangten. Geld hätte Rhode Island nicht erwerben können. Rhode Island wurde mit Liebe gekauft”. [mehr]
SIRI 17
268 | März 2017

Depeschen aus der Kapitale - 3

REISEN MIT FLIXBUS

Seitdem der Fernbusverkehr in Deutschland 2013 liberalisiert wurde und es aufgrund des Personenbeförderungsgesetzes erlaubt ist, in Konkurrenz zur Deutschen Bundesbahn zu treten, gab es anfangs mehrere Anbieter auf dem Markt. Manche erinnern sich vielleicht noch an Mein Fernbus.de. Seit vier Jahren hat Flixbus den Markt komplett übernommen, so dass es sich fast schon um ein Deonym handelt, also um die Wandlung von einem Eigennamen zum Gattungsnamen, wie Tempotaschentuch oder Tesafilm. Flixbus scheint also alles richtig gemacht zu haben, mit mehr als 60 Millionen Fahrgasten seit der Gründung im Jahr 2011 und über 300 Haltestellen europaweit. Trotzdem verwässert so ein Deonym natürlich die Tatsache, dass es sich bei Flixbus um ein Start-Up-Unternehmen handelt, das Subunternehmer beschäftigt und neoliberal nicht gewerkschaftlich organisiert ist. Auf meine telefonische Anfrage, ob die Busfahrer mehr als den Mindestlohn von 8,50 EUR in der Stunde verdienen, bekomme ich ausweichende Antworten. [mehr]
Dimmers, Jan
267 | März 2017

Tulpen aus der Türkei

Wahlergebnisse in der Vorfrühlingszeit

Ein von Twitterlauten und Tweets begleitetes Frühlingserwachen war von der extremen Rechten in den Niederlanden erwartet und erhofft worden. Der Untergang des sehr kleinen Stückchen Abendlandes an der Nordsee wurde in zahllosen, immer dasselbe wiederholenden Schlagzeilen heraufbeschworen. Wartend auf die Barbaren zählte der Rechtsextremismus jeden Tag seine Segnungen. Die Niederlande wurden in eine politische Arena umgewandelt. Da gab es 81 registrierte politische Parteien. Davon sagte eine Rekordzahl (28) einander letzten Endes den Kampf um 150 Sessel an. (...) Holland ist nicht nur klein, es hat auf dieser kleinen Welt auch die allerkleinste Partei. Die Partei für die Freiheit (PVV) hat nur ein einziges offizielles Mitglied. Das ist Geert Wilders. (...)  Aber: Wilders hat verloren. Der niederländische Dominostein fällt nicht. Europa atmet auf. [mehr]
Hoppe, Felicitas
266 | März 2017

FELICITAS HOPPE SAGT

Ein Gespräch zur Filmpremiere

„Man muss bedrohlichen Zuständen mit Produktivität begegnen.“
Ein Gespräch mit Felicitas Hoppe anlässlich der Uraufführung des Films Felicitas Hoppe sagt

Der Film Felicitas Hoppe sagt ist eine Suche nach Antworten auf scheinbar einfache Fragen, es ist Hoppe in der ersten Person: Wie lebt man zwischen Produktion und Selbstreflexion, zwischen Gipfelsturm und möglichem Absturz, zwischen Selbstanschauung und Selbstvermarktung? Oliver Vogel, Hoppes Lektor, sprach mit der Autorin wenige Tage vor der Uraufführung des Films, die am 17. März im Sprengel Museum Hannover stattfinden wird.

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