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318 | 13.07.2018

DIE VIRTUELLE WELT, NIETZSCHE UND DIE FRAGE DER WAHRHEIT


(c) Uwe Dörwald / Buchmesse FFM 2016

Die Beschaffenheit der virtuellen Welt entkräftet zumindest partiell die Aussagekraft der realitätsbezogenen Wahrheitskriterien. Die vier üblichsten Kriterien der Wahrheit beruhen auf: Kongruenz, Kohärenz, Pragmatik und Konsensus. In der virtuellen Welt verlieren sie teilweise an Bedeutung und Prägnanz, weil sie in den Konstellationen der Virtualität nicht mehr als notwendig und direkt anwendbar empfunden werden.   

(…)   

... laut Nietzsche (bedeutet) die Kritik an den Fakten und an dem festen Glauben daran keine Form der Relativierung und der Gleichgültigkeit ihnen gegenüber, sondern sie deutet auf die Notwendigkeit hin, das vermeintliche Selbstverständliche zu hinterfragen und genau da Verdacht zu schöpfen, wo alles selbstverständlich und unproblematisch erscheint. Die Kritik des Positivismus und die Entwicklung der Genealogie als Methode ergänzen sich gegenseitig: Sie bringen die Menschen dazu, nicht nur auf die Fakten hinzuweisen, sondern sich auf ihre Herkunft zurückzubeziehen, die zum einen viel komplexer und vielfältiger ist, als in der Regel angenommen wird, und zum anderen auch negative Seiten beinhaltet, die meistens verheimlicht oder verstellt werden. Freie Geister sind für Nietzsche diejenigen, die imstande sind, „tief zu tauchen und wohl auf den Grund zu sehen“, ein Verhalten also, das sich von Unmittelbarkeit, Gleichgültigkeit, Seichtigkeit und Oberflächlichkeit verabschiedet und hingegen für neue Erkenntnisimpulse einsteht.  

 

 

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