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Felicitas
Hoppe - Schriftstellerin / Berlin BLINDE
HÜHNER Warum
Schreiben lernbar, aber nicht lehrbar ist Es
ist kein Zufall, dass die Frage „Warum schreiben Sie?“ unter Autoren
und denen, die es immer noch werden wollen, zu den meist gehassten gehört.
Sie ist nämlich nicht überflüssig, sondern schwer zu beantworten. Unter
anderem deshalb, weil sie die Undurchsichtigkeit ihres Tuns auf naive
Weise in helles Licht rückt. Die Antwort fällt dementsprechend nebulös
aus: Weil wir uns mitteilen wollen, weil wir glauben, „etwas“ zu sagen
zu haben, weil „etwas“ in uns sagt, dass wir schreiben wollen, besser
noch: müssen. Die innere Notwendigkeit, uns zum Ausdruck zu bringen.
Schließlich haben wir Geschichten zu erzählen. Aber das haben andere
auch, nur glauben wir, es besser zu können. Obenauf: Talent und Begabung,
im günstigen Fall auch ein Schicksal. Aber
was ist Talent, was heißt Begabung? Was für Schicksale und Geschichten
erzählen wir? Wem und was geben wir, ungefragt, unsere so genannte Stimme?
Warum entwerfen wir immer wieder von Neuem Figuren und Charaktere, setzen
unübersichtliche Familien in weitläufige psychologische oder
vermeintlich poetische Landschaften, in denen wir Häuser und Gärten
anlegen, die wir aufwändig bepflanzen, um nachher alles hindurch zu jagen,
was uns unterwegs zwischen die Finger kommt und was wir für einigermaßen
dramatisch halten: Gewinner und Verlierer, Verbrecher und Verfolger,
Erniedrigte und Beleidigte. Warum treiben wir Liebende ins Unglück und
lassen Unschuldige kalten Herzens ertrinken? Was gibt man uns vor, und was
stellen wir nach?
Also
was treibt uns an? Der sentimentale Glaube an die Bedeutung und Wirkung
des geschriebenen Wortes? Wahrhaftigkeit in der Nachstellung oder der
Wille zur reinen Erfindung? Der Wunsch nach Verkündigung, nach Teilnahme
und Teilhabe, der kühne Wille zu öffentlicher Stellungnahme? Womöglich
Verantwortung? Oder, kleiner, praktischer und genügsamer gedacht, nichts
als der diensteifrige diesseitige Wille zu ordentlicher Unterhaltung?
Vielleicht reiner Spieltrieb?
Sind wir nicht einfach stecken geblieben in dem kindlichen Wunsch nach
immer währender Aufmerksamkeit? Denn sobald wir leichthändig die
Medaille umdrehen, treten auf der anderen Seite unsere Sehnsucht nach
Selbstentblößung, unser Bekenntniswahn, unser ehrgeiziger Narzissmus, fröhlicher
Exhibitionismus und Eitelkeit ins Licht. Im günstigen Fall auch Erfolg
und, im günstigsten, Geld. Das
ist kein Einwand. Anderen Professionen geht es malend, singend und radelnd
nicht anders, schließlich ist auch das Schreiben eine Art Sport, ein
Wettbewerb mit Aussicht auf altmodische Verheißungen wie Ruhm und Ehre,
von denen auch niemand weiß, worin sie wirklich bestehen. Sogar von KUNST
ist hier und da noch die Rede, und das in einer Kultur, die auf den
zweiten Blick längst auf die Kunst pfeift und sich jenseits jeden künstlerischen
Anspruchs in erster Linie durch Tüchtigkeit und atemlose Betriebsamkeit
in der Förderung und produktiven Verwaltung dessen auszeichnet, was man
leichthin „künstlerische Arbeit“ nennt. Tatsächlich
gründet sie sogar Schulen. Was nicht wenig ist, denn Schulen, wie schon
die Mönche wussten, sind feste und sichere Orte und für alle Beteiligten
zumindest über einen bestimmten Zeitraum hinweg fernab der wirklichen
Welt und des so genannten wirklichen Lebens Versorgungs-, Aufbewahrungs-
und Ausbildungsanstalten. Sie sind warm, sie kosten Geld. Und verdienen
folglich Respekt. Warum
aber schreiben? Warum lernen, was wir in Wahrheit schon zu können glauben?
Wer garantiert uns, dass wir vorankommen? Und warum das Risiko eingehen,
am Ende aus weniger berufenem als gut bezahltem Mund erfahren zu müssen,
dass wir es vielleicht doch nicht können. Wir könnten auch andere
Schulen besuchen und auf einträglicheren Hochzeiten tanzen. Wenn trotzdem
jeder dritte bis vierte deutsche Abiturient den Schriftstellerberuf nach
wie vor für einen Traumberuf hält, so vermutlich aus einem einfachen
Grund: Schreiben kann jeder! Aber kann jeder schreiben? Und kann jeder,
der schreibt, auch ein Schriftsteller werden? „Vor
Jahren“, schreibt der estnische Schriftsteller Peeter Sauter, „sagte
meine Mutter zu mir: ‚Peeter, aus dir
wird nie ein richtiger Schriftsteller. Du siehst nicht, was um dich herum
passiert, du nimmst das Leben gar nicht wahr. Und du bist träge, nichts,
was du anfängst, machst du zu Ende.’ In gewisser Weise hatte meine
Mutter recht. Ich sehe wirklich nicht viel um mich herum, und träge bin
ich auch. Aber meine Mutter wußte nicht, was Schriftsteller für Menschen
sind. Der Schriftsteller ist nämlich ein blindes Huhn, das in seinen
Vorstellungen gefangen ist, die Umgebung nicht wahrnimmt und alle
wichtigen Unterfangen gern auf der Hälfte abbricht, um einfach ganz
egoistisch seinen Träumereien und Phantasien nachzuhängen. Solche
Eigenschaften machen einen Menschen unbrauchbar für alle möglichen
anderen Dinge. Solch ein Mensch kann niemals Feuerwehrmann oder Direktor
sein, selbst ein verträumter Straßenfeger wäre ein Unding. Wozu für
den Schriftsteller die große Lebensschau? Er sieht nur einen schmalen Dämmerstreif,
hört einen halben Satz, und das Übrige reimt er sich selbst zusammen.“ Höchste
Zeit also, die deutsche Schule zu besuchen! Sie soll uns helfen zu
sortieren, zu unterscheiden, zu strukturieren und zu klären, kurz: sie
wird uns beibringen, wie man erstens seine Trägheit überwindet und
zweitens einen Dämmerstreif von einer Götterdämmerung unterscheidet,
wie drittens aus einem Halbsatz ein ganzer und viertens aus einem
Selbstreim ein Stabreim wird. Denn schließlich geht es in der Schule
nicht um süße Illusionen, sondern um Techniken, die lern- und lehrbar
sind. Die Schule soll unsere talentvollen Verwirrungen neutralisieren und
uns bis auf Weiteres in ein Verhältnis setzen zu uns und der Welt und,
nicht zuletzt, auch zu unserer Gruppe. Denn wo eine Schule ist, ist die
Klasse nicht weit, und wo eine Klasse ist, sind auch Klassenkameraden,
denen wir ins Gesicht sehen müssen. Umso
besser. Schluss mit dem Blick in den trüben Spiegel des eigenen Ichs.
Seien wir mutig, setzen wir uns aus, springen wir über unseren Schatten,
legen wir unsere Texte in die Waagschale einer Gemeinschaft, die neben der
nebulösen Behauptung ihrer Mitglieder, sie wollten nichts als schreiben,
im Grunde nur eines verbindet: Sie haben den finsteren Tunnel einer
namhaften Jury passiert und die Aufnahmeprüfung bestanden. Und sie wollen
gefallen. Das
System der Schule ist dem entsprechend einfach. Sie zerlegt den Schüler
in seine Einzelteile, um ihn nachher, sein Mittun vorausgesetzt, auf neue
und produktive Weise wieder zusammenzusetzen. Man nennt das auch Beihilfe
zur Selbstkritik. Das kann manchmal zwar etwas schmerzhaft sein, ist aber
immer gut gemeint und ausschließlich zum Besten des Schülers. Inhalte
spielen dabei keine Rolle. Denn auch wenn die Schule sich ständig in den
Mantel des Inhalts hüllt und nichts anderes tut, als Themen anzureißen,
Vorgaben zu prüfen, Thesen aufzustellen und Formen zueinander ins Verhältnis
zu setzen, ist sie in Wahrheit auf nichts anderes aus als auf Vermeidung.
Sie gibt sich konfrontativ, um auf diese Weise der Konfrontation
auszuweichen. Selbstverständlich wird diskutiert und gestritten, gedreht
und gewendet. Ihre Sternstunde aber ist der Kompromiss. Die Schule gibt
sich grundsätzlich ideologiefrei, obwohl sie, schon ihrem Charakter nach,
nichts anderes als ideologisch sein kann. Denn in einem Raum, dessen Wände
mit Kriterien tapeziert sind, wird, auch beim besten Willen aller
Teilnehmer, Lehrer wie Schüler, unmerklich immer auf Linie gebracht. Auf
den ersten Blick fällt das nicht auf, denn allem voran pflegt die Schule
nicht zuletzt durch ihre Lehrer die Maske der Kompetenz und arbeitet mit
der Verheißung des so genannten Instrumentariums. Das Instrumentarium ist
übrigens nicht zu verachten. Denn was, wenn nicht das Instrumentarium,
ermöglicht uns schließlich, Drehbücher für Vorabendserien, Reportagen,
Vorträge und Anleitungen für den Gebrauch von Waschmaschinen zu
schreiben und, mit etwas Glück, gelegentlich sogar Romane. Am Ende sind
wir auf allen Bühnen zuhause, gewusst wie und alles gekonnt. Vermutlich
gibt es sogar für ehrgeizige lyrische Vorhaben das entsprechende
Instrumentarium, auch verdächtige Experimente lassen sich instrumentell
verwalten, das heißt, im Zweifelsfall auf wohlwollende Art im Keim
ersticken. Aber was, wenn die Prosa ins Freie will? Man
fängt sie ein. Zu diesem Zweck bilden Schulen Handschriften aus. Eine
amerikanische Handschrift lässt sich mühelos von einer deutschen, eine
deutsche eindeutig von einer italienischen unterscheiden. Dasselbe gilt
auch für unsere Texte. Auf unheimliche Weise ähneln sie einander, und
das, obwohl wir an nichts so sehr arbeiten, wie an einem vermeintlich
eigenen Ton und uns nach eigenen Stimmen sehnen. Nur lässt sich die
eigene Stimme nicht lernen, bevor man nicht weiß, wie man Stimmen hört. Vermutlich
liegt hier das größte Problem der Schreibschule: An Schülern wird es
ihr niemals mangeln, nicht an gutem Willen, und auch nicht an eigenen
Stimmen. Es fehlt ihr dagegen ganz einfach an Lehrern. Denn der Lehrer ist
auch nur ein blindes Huhn, das in seinen eigenen Vorstellungen gefangen
ist und seinen egoistischen Träumereien und Phantasien nachhängt. Er träumt
davon, ein Beamter zu werden. Er hört nur seine eigene Stimme und wird
jene Schüler besonders lieben, die einen ähnlichen Ton anschlagen. Was
also kommt dabei heraus, wenn blinde Hühner blinde Hühner unterrichten? Nichts
Gutes, nichts Schlechtes. Die goldene Mitte. Hier und da vielleicht auch
ein Korn. Manchmal ein Hahn oder ein einäugiger König. Schlimmer und trügerischer
dagegen ist eine ganz andere Verheißung der Schule, das Märchen von der
Ersparnis der Zeit. Tatsächlich glaubt der Schreibschüler nämlich, er könnte
eine praktische Abkürzung nehmen, sprich: sein Leben durch eine Schule,
unvermeidliche Irrtümer durch Diskussionen, und eigene Fehler durch die
Besprechung der Fehler anderer ersetzen. Was er nicht weiß und was man
ihm gerne verheimlicht: Ein beschleunigter Schüler ist und bleibt ein
betrogener Schüler! Übrigens
habe ich zehn Jahre lang Deutsch unterrichtet, nicht selten auch
Beschleunigungskurse, die gern von Geschäftsleuten belegt werden, die
keine Zeit zu verlieren haben. Sie bringen es, bei entsprechendem Aufwand
und Ehrgeiz, manchmal sogar zur Perfektion, nur haftet ihrer Sprache etwas
eigentümlich Formelhaftes und Unbelebtes an. Aber sie besitzen genau das,
was Sebastian Haffner in seiner Biografie über Winston Churchill, einen
der untauglichsten Schüler überhaupt, wie folgt beschreibt, „eine
genormte, nicht unattraktive, aber allerdings künstliche zweite Persönlichkeit,
gestutzten Bäumen in französischen Barockgärten vergleichbar.
(...) Sie „traten ins Leben und waren fertig abgerichtet, der
Welt zu imponieren, sie auf eine ganz bestimmte Art zu verachten und, bei
entsprechender Begabung, sie zu beherrschen. (...) Später blicken sie auf
ihre Schuljahre als die glücklichsten ihres Lebens zurück.“ Dürfte ich selbst eine Schule gründen, so stünde in leuchtenden Lettern am Eingang: BEI MIR BRAUCHEN SIE ZEHN JAHRE LÄNGER! Wahrscheinlich hätte ich keine Schüler, denn selbst zehn Jahre reichten natürlich nicht aus, um beide Seiten, Schüler wie Lehrer, von der Last der Literatur zu befreien, bis sie endlich erleichtert den Bildern entrinnen und vielleicht wirklich und in eigener Sache zu schreiben anfangen.
Der
Tänzer lernt tanzen, der Sänger singen, der Schauspieler fechten. Warum
lernt der Schreiber das Schreiben nicht? Vermutlich aus einem einfachen
Grund: Schreiben kann jeder! Wörter sind Freiwild, schiefe Töne sind in
der Sprache schwerer dingfest zu machen als anderswo. Die Erschaffung der
Welt durch das Wort bleibt heikel. Warum schreibe ich trotzdem? Was das
betrifft, ziehe ich mich gern hinter Augustinus zurück: „Wenn man mich
nicht fragt, weiß ich es, wenn man mich fragt, dann weiß ich es nicht.“
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