| themenliste
... > |
Thesen
über Arbeitslosigkeit
-
von Dr. Kajetan Hinner, Soziologe
(Homepage) -
Arbeitslosigkeit
ist ein soziales Konstrukt
Läßt man sich
auf diese Feststellung ein, wird klar, warum Steuerberater gebraucht
werden: Sie haben einen Beruf, weil die Gesellschaft ein Steuersystem
erschaffen hat, das nach einiger Zeit das Berufsbild des Steuerberaters
entstehen ließ. Es gibt keinen "Steuerberater an sich". Dieser
Beruf existiert nur in bestimmten Gesellschaftsordnungen (bestimmte, d.h.
historisch existierende Ausprägung aller sozialen Beziehungen in einer
Gesellschaft). Dies betrifft natuerlich nicht alle Berufe. Davon
ausgenommen sind auf den ersten Blick diejenigen mit direktem Bezug zur
biologischen Lebenserhaltung. Aber ähnlich einer Bedürfnispyramide
werden die Berufe nach oben hin immer abstrakter und immer mehr abhängig
von der Gesellschaftsordnung, die sie hervorgebracht hat. Geht man nun
einen Schritt weiter, wird klar, daß auch Arbeitslosigkeit ein soziales
Konstrukt ist. Zur Begriffsklärung: Unter "Arbeitslosigkeit"
verstehe ich die von einem Betroffenen nicht erwünschte Abwesenheit
von Erwerbsarbeit.
Es gibt keine "Arbeitslosigkeit an sich". Arbeitslosigkeit
entsteht, wenn eine Gesellschaftsordnung dies zuläßt. Dies ist die soziologische
Komponente von Arbeitslosigkeit.
Es gibt nun eine psychologische Komponente, die das Umgehen mit
Arbeitslosigkeit so schwierig für die westliche Gesellschaft macht: Ein
Arbeitsloser ist oft tendenziell unzufrieden. Dafür gibt es mannigfaltige
Gründe. Es ist jedenfalls nicht so, daß "Freiheit von Arbeit",
Müßiggang, Kontemplation oder Konzentration auf die "wesentlichen
Dinge" des Lebens als hohes Gut gilt. Nein, vielmehr gilt das
Gegenteil: Erwerbsarbeit regelt nahezu alles in einer westlichen
Gesellschaft: Status, Einkommen, Freizeit, Selbstwertgefühl, soziale
Kontakte, Teilhabe an Systemen der Alterssicherung und
Krankenversicherungen. Und damit ist sie natürlich hoffnungslos überfordert.
Erwerbsarbeit
ist nicht "natürlicherweise" knapp, deshalb kommt man mit einer
Knappheitstheorie nicht weiter. Meine These ist: Erwerbsarbeit ist
knapp, weil die Gesellschaftsordnung dies zuläßt. Da es keinen Beruf
"an sich" gibt, werden Berufe immer nur im Rahmen eines
Gesellschaftssystems geschaffen bzw. überflüssig. Theoretisch sind
unendlich viele Berufe denkbar. "Sinn an sich" hat kaum einer.
Hochentwickelte Gesellschaften haben sich von den biologischen
Lebensgrundlagen und Notwendigkeiten so weit emanzipiert, daß die weitaus
meisten Berufe nur innerhalb eines bestimmten Gesellschaftssystems
entstehen konnten.
Deutschland
ist diesbezüglich seiner Sache voraus
Es ist ein
alter Menschheitstraum, von der Mühsal und den Pflichten des Tages
befreit zu werden. Jetzt ist es soweit, und nur eine Minderheit freut sich
darüber. Alle Erwerbslosen versuchen wieder, in den Arbeitsprozeß
hineinzukommen. Ich denke, daß aufgrund
-
des
Produktivitätsfortschritts
-
der nicht
beliebig steigerbaren Nachfrage an Gütern und Dienstleistungen
-
der
unterschiedlichen Talente und Fähigkeiten der Menschen
dieser Trend zur Arbeitslosigkeit trotzdem immer weitergehen wird. Es
wird bei bestimmten demographischen Verteilungen immer mehr
Arbeitslose geben, weil die Erwerbs-Arbeitenden für sich und die
restlichen Gesellschaftsmitglieder aufkommen können. In anderen Ländern
wird dies durch Niedriglohnpolitik, extreme Einkommensunterschiede,
Ungerechtigkeiten im Steuersystem etc. hinausgezögert. Oder durch völlig
unglaubwürdige Statistiken (ABM, Umschulungen, Frührente, nicht
gemeldete illusionslose Langzeitarbeitslose) nach unten gerechnet.
Fakt ist, daß 20% Arbeitslosigkeit wie in Ostdeutschland nicht die
Ausnahme, sondern die Regel sind und sein werden.
Abgeschwächt wird diese Entwicklung durch demographische
Entwicklungen: Es wachsen weniger neue Arbeitskräfte nach als in
Rente gehen. Deshalb kann man davon ausgehen, daß allein dadurch bis
ca. 2010 zumindest in den Ballungsräumen in Deutschland die
Arbeitslosigkeit stark zurückgehen wird. Dies gilt allerdings nicht für
ländliche Gebiete (v.a. in Ostdeutschland) und Arbeitslose ohne
Ausbildung.
Das grundsätzliche Problem bleibt allerdings bestehen. Es wird immer
Phasen geben mit einem Arbeitsplatzmangel und dann wieder Phasen mit
einem Arbeitskräftemangel. Die Gründe dafür sind vielfältig und müssen
nicht bekannt sein, um die Folgen dieser Zyklen zu behandeln.
Die
Wirtschaft boomt und keiner merkt es so richtig
Der Blick
auf die Arbeitslosenzahlen vermittelt ein gänzlich falsches Bild von
der wirtschaftlichen Lage. Die Rezession ist seit über einem Jahr überwunden.
Sichtbar wird dies gerade nicht an der Beschäftigtenzahl, sondern
anhand der Unternehmensgewinne der Großkonzerne. Die seit langem
anhaltende Hausse (bis Anfang 2000) an den Aktienmärkten (v.a. USA
und Frankreich, nun auch in Deutschland) kommt nicht von ungefähr. In
ehemals notleidenden Branchen (Automobilbau, Schwerindustrie) wird
wieder Geld verdient und die Unternehmen erwirtschaften bisher nicht für
möglich gehaltene Gewinne. Einige wundern sich, daß diese Gewinne
nicht "investiert" werden und so auf die Arbeitslosenzahlen
durchschlagen. Das wird aufgrund der ausreichenden Rendite und
Produktivität nicht passieren. Die Aktienkurse - zumindest der Aktien
der großen Indizes - werden bei derart niedrigen Zinsen und den phänomenalen
Gewinnen weiter steigen bzw. ein Eigenleben führen, das abgekoppelt
vom Arbeitsmarkt ist.
Aktualisierung: Der obige Absatz wurde bereits 1999 geschrieben,
inzwischen sind Aktiennotierungen gerade im Bereich der neuen
Technologien wieder stark gesunken. Allerdings hat sich die
Arbeitslosigkeit seitdem nicht stark verändert. Die wirtschaftliche
Lage ist auch lange nicht so schlecht, wie bei einer
unvoreingenommenen Sicht beim Blick auf das Auf und Ab des
Aktienmarktes vermutet werden könnte. Nach wie vor verdienen einige
Unternehmen in einem früher nicht gekannten Ausmaß, ohne daraus zu
folgern, neues Personal einzustellen bzw. die Gehälter zu erhöhen.
Weitere Aktualisierung: Der vorige Absatz wurde im Jahr 2000 eingefügt,
inzwischen (Jahr 2002) "schwächelt" die deutsche Wirtschaft
seit gut einem Jahr. Ich habe die beiden vorhergehenden Absätze mit
voller Absicht nicht entfernt, weil man gerade daran sieht, daß auch
in vermeintlich guten Zeiten eine hohe Arbeitslosigkeit besteht. So,
wie die deutsche Wirtschaft zur Zeit "schlechtgeredet" wird,
müßte sie im Vergleich zu 1999 doppelt so viele Arbeitslose haben.
Eine
Fokussierung auf den "Unternehmensgründer" ist
kontraproduktiv
In letzter
Zeit kommen Subventionen für eine Unternehmensgründung bzw. für die
Person eines Unternehmensgründers in spe in Mode. Man hat wohl
aufgrund vielfältiger Untersuchungen herausgefunden, daß Unternehmen
von einem Unternehmensgründer ins Leben gerufen werden und in der
Folge Arbeitsplätze entstehen.
Dies erinnert sehr an den Zusammenhang zwischen Mutterschaft und
Nachwuchs und an die Folgerung, nun die Frauen zu subventionieren.
Damit - in unserer heutigen Zeit mit vielfältigen sozialen
Beziehungen - Mütter ein Kind bekommen, müssen
gesamtgesellschaftliche Rahmenbedingungen adäquat sein. Dies gilt
ebenso für Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen sollen. Eine
Subventionierung der Gründerperson bzw. der Gründungsidee ist
absolut kontraproduktiv, weil sie zu einer Verzerrung des Marktes führt
und letztendlich nicht hinreichend überlebensfähige Unternehmen
produziert.
Statt
dessen: Rahmenbedingungen über die Politik anpassen
Die
gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die für eine stärkere
Zunahme an Unternehmensgründungen und damit Arbeitsplätzen geändert
werden müßten, sind:
-
Zum ersten
die Befreiung der Erwerbstätigkeit von der Überforderung der
Integration zu vieler Systeme, wie etwa: Rentenversicherungs- und
Sozialhilfesystem gekoppelt an Staatsbürgerschaft und nicht an der
Teilhabe am Erwerbssystem.
-
Streichung
aller Subventionen, die auf materielle Produktionen ausgelegt sind (Agrar,
Bergbau, aber auch Wohngeld).
-
Streichung
von Steuerschlupflöchern (europa- und weltweit).
-
neues
Steuerrecht für Großkonzerne, damit Gewinne nicht transnational bzw.
in innerbetrieblichen Abteilungen beliebig verschoben werden können
-
Einschränkung
der Verrechenbarkeit der Umsatzsteuer: ein Teil der Umsatzsteuer muß
abgeführt werden, ein anderer kann über die Vorsteuer wie bisher
verrechnet werden.
-
Konsequente
Entbürokatisierung und Abbau von überflüssigen Regelungen, Gängelungen,
(Produkt-)Haftungsrisiken etc. Der Ansatz des Lebensrisikos muß
wieder gestärkt werden (sonst können Konsumenten bzw. Kunden
Produzenten oder Hersteller in den Ruin klagen. [ergänzt 2003]
-
Überstundenabbau
durch stärkere Besteuerung von Überstunden. [ergänzt 2003]
-
Im öffentlichen
Dienst eher personalfördernde als personalvermindernde
Handlungsweisen empfehlen: Es kann nicht sein, daß z.B. Universitäten
von Unternehmensberatern "durchleuchtet" werden und
daraufhin Pförtner und Hausmeister abgebaut werden und durch Schließanlagen
oder verkürzte Öffnungszeiten "ersetzt" werden. In den
seltensten Fällen werden die entlassenen Mitarbeiter einen neuen
Arbeitsplatz finden, d.h.: Letztendlich muß die öffentliche Hand
gesteigerte Kosten tragen (nämlich für die Schließanlage bzw.
unattraktivere Öffnungszeiten und damit Lernumgebungen), aber die
Ausgaben in einen anderen Etat verlagern (entweder über den
Personaletat oder den Arbeitslosenkassensteuerzuschuß oder gar über
Sozialhilfe) [ergänzt 2003].
Gesamtgesellschaftliche
Folgerungen
Nun zu den
Folgerungen dieses Ansatzes, wenn man ihn denn akzeptiert hat. Ich
sehe eigentlich nur drei Möglichkeiten:
1. Wir können
weitermachen wie bisher.
Dies wird
zu immer weiter steigenden Arbeitslosenzahlen führen, und ich
behaupte, daß die Zahl der Erwerbsarbeitsplätze insgesamt in
Deutschland von Jahr zu Jahr weiter zurückgehen wird. Ein
Erwerbsarbeitsplatz wird immer mehr ein knappes Gut werden. Es wird
sicher interessant sein zu sehen, was dann passiert, wenn auch nur aus
einer wissenschaftlich-objektiven Perspektive.
Die Probleme der Arbeitslosen werden dadurch aber nicht leichter und
die Zerstörung des umlagenfinanzierten sozialen Rechtsstaats, wie wir
ihn bisher kennen, wird nicht aufzuhalten sein. Für mich ist es ein Rätsel,
daß die schleichende Zerstörung unseres vom Ansatz hervorragenden
Krankenversicherungssystems nicht ein größeres Thema in den Medien
ist.
2. Wir können
konsequent umbauen.
-
An erster
Stelle wäre die Entlastung der Erwerbsarbeit von den zahlreichen
psychologischen und soziologischen sowie finanziellen Funktionen zu
nennen. Die Menschen müssen (z.B. durch höhere Bildung) in die Lage
versetzt werden, Freizeit sinnvoll und kreativ zu nutzen. Durch andere,
gesellschaftlich anerkannte Einkommensarten wie z.B. Bürgergeld oder
ein sehr hohes Kindergeld, muß das Arbeitseinkommen von der
Lebensunterhalt-Sicherungs-Funktion entlastet werden. Das Justizsystem
muß stärker auf Strafen setzen, die Zeit kosten und weniger auf
Geldstrafen, also z.B. mehr gemeinnützige Arbeit für Straftäter (nicht
nur Gewalttäter, auch z.B. Steuer-, Verkehrs- und Diebstahldelikte),
um die ökonomische Komponente einer Strafe zu schwächen.
-
Bildung,
Bildung, Bildung: Es kann nicht sein, daß in Deutschland das
Bildungssystem jedes Jahr zum Sparen genötigt und konsequent
ausgehungert wird. Nur mit zeitgemäßer Ausstattung und finanzieller
Sicherheit der Bildungsinstitutionen kann der weitere Verfall -nicht
nur der Gebäude- der Bildungseinrichtungen verhindert werden. Ich möchte
nicht das US-System als allgemeines Vorbild benennen, wie so viele
andere. Dort gibt es zwar die besten Universitäten der Welt, aber das
Durchschnitt-Niveau ist bei weitem nicht so gut wie das deutsche. Natürlich
könnten die Abonnements amerikanischer Hochschuleinrichtungen auf
Nobelpreise auslaufen, wenn in Deutschland wieder mehr in öffentliche
Forschung investiert wird. Ich bin auch gegen eine staatliche Förderung
privatwirtschaftlicher Forschungsabteilungen. Dies verzerrt den
Wettbewerb und die Wissenschaftslandschaft, weil in den seltensten Fällen
diese Forschungsergebnisse frei publiziert werden dürfen und die
Auftraggeber in den publizierten Studien nicht immer genannt werden.
-
Kurzfristige
Steuerungsmöglichkeiten: Das Auf und Ab der Arbeitslosenzahlen sollte
durch politische Steuerungsmöglichkeiten stärker als bisher beeinflußt
werden können. 1) Die Idee eines hohen "Kindergeldes", d.h.
z.B. 50% des durchschnittlichen Nettolohnes bei einem Kind, 80% bei
zwei Kindern, 100% bei drei Kindern, würde die (v.a. weibliche)
Erwerbsneigung stark senken und damit den Arbeitsmarkt entlasten. In
Phasen niedriger Arbeitslosigkeit müßte dann allerdings das
Kindergeld wieder gesenkt werden, um die Erwerbsneigung wieder zu erhöhen.
2) Eine andere Möglichkeit für derartige kurzfristige Steuerungsmöglichkeiten
wäre die Schaffung eines öffentlichen dritten Arbeitsmarktes mit
extremer Niedriglohnzahlung. Der Sinn dieses dritten Arbeitsmarktes
liegt nur darin, die außerhalb der Unterhaltssicherungsfunktion
liegenden Funktionen der Erwerbsarbeit zu übernehmen (Soziale
Funktionen von Erwerbsarbeit etc.). Einsatzbereiche wären z.B.
personalintensive öffentliche Ausbauten der Infrastruktur (Waldpflege,
Gewässer- und Küstenschutz, Deichbau, Wanderwege, Restaurationen,
Renovierungen). Ich kann an einer daraus folgenden hohen Staatsquote
nichts schlechtes finden. NB: Es geht um Arbeitsplätze, die in "guten
Jahren" problemlos wieder in den ersten Arbeitsmarkt verlagert
werden können.
-
Konsolidierung
des Staatshaushaltes. Dies kann auf verschiedene Möglichkeiten
geschehen, aber ganz klar ist, daß die finanziellen Probleme der öffentlichen
Haushalte in erster Linie nicht auf der Ausgaben- sondern auf der
Einnahmenseite entstanden sind. Es kann nicht sein, daß sich ganze
Bevölkerungsgruppen von der Finanzierung der Staatsausgaben oder -aufgaben
(Deutsche Einheit) entzogen haben. Ein Abbau der staatlichen
Nettoschulden muß so schnell wie möglich Wirklichkeit werden. Der
Staat nimmt sich mit hohen Zinsverpflichtungen Handlungsspielraum und
alleine Vermögende profitieren von staatlicher Verschuldung (weil nur
Vermögende von Zinsen profitieren). Damit wird massiv umverteilt
zugunsten der Reichen und zum Nachteil künftiger Generationen.
-
Vermögen
muß stärker besteuert werden, ebenso wie Verbrauch und Energie.
Nahezu alle Subventionen müssen beseitigt werden (vgl.
Rahmenbedingungen).
-
Entbürokratisierung
und negative Einkommenssteuer bzw. Bürgergeld: Arbeitslosenhilfe,
-geld und Sozialhilfe sowie Wohngeld, Kindergeld, etc. werden
zusammengefaßt und jedem Bürger monatlich ausgezahlt. Ab einem
gewissen Einkommen entfällt dies und der betreffende Bürger wird zum
"Nettozahler".
-
Überstundenabbau
und stärkere Berücksichtung von Teilzeitarbeit. Es kann nicht sein,
daß auf der einen Seite Millionen Menschen arbeitslos sind und auf
der anderen Seite eine Gruppe von Arbeitnehmern massiv Überstunden
leistet und sich konsequent überarbeitet ("Karoshi"). Natürlich
hat Teilzeitarbeit seine Grenzen. Ich denke nicht, daß es Sinn hat,
wenn jeder 8 Stunden pro Woche arbeitet. Eine 35 Stunden Woche ist
wohl das Minimum für eine noch sinnvolle und ergiebige Tätigkeit,
man muß schließlich in seinem Arbeitsfeld Bescheid wissen und sich
kontinuierlich weiterqualifizieren. Vielleicht ist es deshalb
sinnvoller, daß z.B. jedem Arbeitnehmer alle zwei Jahre 6 Monate mit
halber Bezahlung zustehen, o.ä. Lösungen. Erwähnenswert ist auch
die Überlegung, daß es für jeden gesellschaftlichen
Entwicklungsstand ein Optimum geben muß für die Durchschnittsdauer
der Erwerbstätigkeit. Auf der einen Seite steht die Abhängigkeit des
Einkommens von der für die Erwerbstätigkeit aufgewendete Zeit. Auf
der anderen Seite steht die dem Konsumenten fehlende Zeit zur
Konsumtion: Nur wenn ein Arbeitnehmer nicht arbeitet, kann er die Güter
und Dienstleistungen, die andere produzieren, nachfragen: Überspitzt
formuliert: Wenn jeder 80 Stunden pro Woche und 52 Wochen im Jahr
arbeiten muß, kann keiner mehr in Urlaub fahren und die
Tourismusindustrie bricht zusammen. Also ist es allein aus diesem
Grund sinnvoll, die Arbeitszeit zu verkürzen.
-
Innovation
und neue Technologien: Ich persönlich war lange Zeit gegen eine
Fokussierung der Kritik auf die mangelnde Innovationsfähigkeit
Deutschlands und habe diese Punkte daher lange nicht diskutiert. In
den Gebieten, in welchen ich mich auskenne, d.h. in der modernen
Informations- und Kommunikationstechnologie, hat Deutschland
allerdings kaum zur technischen Entwicklung beigetragen. Die gesamte
PC-Revolution ging sowohl auf Hardware-Seite als auch auf
Softwareseite (mit kleinen Ausnahmen: Siemens, SAP, KDE) gänzlich an
Deutschland vorüber. Der riesige und weiterhin stark wachsende Markt
der digitalen Fotografie wird komplett aus dem Ausland beliefert. Das
heißt: Auf einigen Zukunftsmärkten (nicht in der Chemie,
Automobilindustrie, Medizintechnik) ist Deutschland nicht mehr präsent.
Man muß sich fragen und sollte dringend wissenschaftlich untersuchen,
wie dies geschehen konnte bzw. welche Fördermaßnahmen aufgelegt
werden müssen und welche bürokratischen Hemmnisse abgebaut werden müssen,
damit dies bei der nächsten innovativen Technologie nicht wieder
vorkommen kann. Auf Dauer sind innovative Arbeitsgebiete ein guter
Garant für einen hohen Arbeitsplatzbedarf [ergänzt 2003].
-
Regionalisierung.
Förderung von regionalen Identitäten und regionalen Einheiten in
Deutschland. Zusammenfassung (Fusion von Kraftwerksbetreibern,
Kommunen oder Dienstleistern) führt immer zu Arbeitsplatzabbau. Durch
eine Verhaftung von Firmen in der Region wird verhindert, daß Kunden
(z.B. ostdeutsche Kunden aus Westdeutschland) versorgt werden. Die
Politik sollte auf eine Zusammenlegung von Verwaltungseinheiten
verzichten (damit bleiben auch Ansprechpartner vor Ort und Arbeitsplätze
vor Ort erhalten) [ergänzt 2003].
-
Empfohlen
sei allerdings eine durchführbare Politik der kleinen Schritte, keine
große Revolution, die an allen Ecken und Enden ansetzt und damit zu
viele Unwägbarkeiten enthält und Widerstände erzeugt und am Ende
nicht umgesetzt wird.
3. Wir können
die Dinge schleifen lassen und nach und nach an den Symptomen
herumkurieren und
versuchen,
diverse Reformen auf den Weg zu bringen und sie dann verhungern lassen,
mit dem Ergebnis, daß im Prinzip Punkt 1 zutrifft. Der auch weniger
geneigte Leser wird bereits an der Formulierung merken, daß ich an
diesen Punkt nicht glaube.
Zusammenfassung
der Argumentation
-
Diese
Thesen sind nicht "weichgespült", es wird oft pointiert
und oftmals einseitig oder stark verkürzt argumentiert. Das ist
beabsichtigt.
-
Ich
freue mich über jede Rückmeldung und jeden Kommentar zu diesem
Text. Besonders freue ich mich über Hinweise auf passende
Fachliteratur.
-
Es geht
vom wissenschaftlichen Standpunkt her nicht so sehr um die Lösungsmöglichkeiten,
sondern um die Grundthese: Steigende Produktivität bringt zwangsläufig
zusätzliche und überflüssige "Freizeit" mit sich, die
sich in Arbeitslosigkeit äußert. Es liegt auf der Hand, daß man
über jede einzelne Lösungsmöglichkeit endlos diskutieren kann.
-
Aufgrund
der starken Resonanz, der zahlreichen Verweise auf diesen Text und
der häufigen Abrufzahlen habe ich mich entschlossen, einen
umfangreicheren Aufsatz zum Thema zu schreiben. Der Artikel oder
das Buch wird etwa Ende 2003 veröffentlicht werden.
nach
oben ... ^
|
|