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Karen
GLOY: Das
Verständnis der Natur. Band 1 - von Uwe Dörwald - Was den Markt an philosophischen Büchern betrifft, die
für ein größeres als das einschlägige Fachpublikum geschrieben sind,
so gibt es auf der einen Seite solche, die die Philosophie populärwissenschaftlich
darstellen und dadurch wichtige Themen simplifizieren oder verkürzen und
auf der anderen Seite der Skala sind solche zu finden, die in einer zu
akademisch gehaltenen Sprache verfaßt sind, als daß sie komplizierte,
aber wichtige Sachverhalte einem größeren interessierten Publikum zugänglich
machen würden. Selten also ist der Glücksfall eines philosophischen
Buches, das sich sprachlich zwischen diesen beiden Extremen bewegt und ein
Thema anschlägt, das für ein größeres Publikum von vitalem Interesse
ist. Ein solcher Glücksfall ist Karen Gloy gelungen, die in der Schweiz
an der Luzerner Hochschule lehrt und deren Arbeitsschwerpunkte im Bereich
der antiken Philosophie, der Erkenntnistheorie und der Naturphilosophie
liegen. Ihr Werk mit dem Titel "Das Verständnis der Natur",
das zweibändig geplant ist und dessen erster Band den Untertitel
"Die Geschichte des wissenschaftlichen Denkens" trägt, beschäftigt
sich mit einem Thema, das uns alle angeht. Und gleicht zu Beginn umreißt
die Autorin dieses wie folgt: Die Diskussion über die Natur erlebt gegenwärtig
Hochkonjunktur. Begriffe wie Umwelt und Umweltbewegung, Ökologie und Ökologiekrise,
schonender Umgang mit der Natur, Achtung und Respekt vor dem natürlichen
Leben sind ebenso zu Standardvokabeln geworden wie Begriffe vom
szientifischen Paradigma, vom mathematisch-naturwissenschaftlichen,
technischen bzw. technologischen Weltbild, von der Herrschaft und Macht über
die Natur. Vor Jahrzehnten noch unbekannt, sind sie aus dem aktuellen
Sprachrepertoire nicht mehr wegzudenken und lassen bereits das ganze
Spektrum der zumeist vehement und kontrovers geführten Diskussion erahnen.
Es geht dabei zunächst und vor allem um ethische Probleme unseres Umgangs
mit der Natur, um die Frage, ob wir unbegrenzt und ungehemmt Eingriffe in
die Natur vornehmen dürfen, ob wir berechtigt sind, sie unseren Plänen
und Entwürfen zu unterwerfen, sie zu manipulieren und zu dirigieren, oder
ob wir uns selbstgezogene Grenzen aufzuerlegen und diese zu respektieren
haben oder vielleicht gar auf jegliche Eingriffe in die Natur verzichten
sollen. Da hinter den verschiedenen ethisch-praktischen Verhaltensweisen
unterschiedliche Naturauffassungen - verschiedene Bilder von der Natur -
stehen, von denen die einen diese, die anderen jene Verhaltensweise fördern
bzw. hemmen, gehören beide Probleme, das ethische und das theoretische,
unumgänglich zusammen. Theoretisches Naturverständnis und ethisches
Naturverhalten bilden einen Problemkomplex, von denen sie nur
unterschiedliche Aspekte darstellen. Nach einem Einleitungskapitel, in dem die methodischen
Grundlagen und einige Begriffe wie zum Beispiel "Naturverständnis",
"Wandel des Naturverständnis" und "Natur" geklärt
werden, beschreibt und verfolgt die Autorin den Weg, der zu unserem
heutigen Bild der Natur geführt hat. In fünf ausführlichen Kapiteln
zeigt sie, wie der Begriff der Natur abhängt von dem jeweiligen Weltbild,
das wir haben. Sie geht aus vom magisch-mythischen Weltbild, befaßt sich
dann mit dem antiken, dem mittelalterlichen, dem neuzeitlichen und dem
modernen Naturverständnis. Sehr gut und klar werden die unterschiedlichen
Ansätze des Naturverständnisses in den verschiedenen Epochen der
Philosophie und später in der Wissenschaft herausgearbeitet, so daß man
sich jederzeit - auch ohne große und einschlägige Fachkenntnis -
vorstellen und nachvollziehen kann, wie und in welche Richtung sich der
Begriff der Natur wandelt und welche Konsequenzen diese Änderungen im
Weltbild für unseren Umgang mit der Natur haben. Das magisch-mythische Weltbild etwa, das noch nicht
systematisch, sondern eher mit erzählerischen Elementen die Natur und die
Welt zu "erklären" bzw. zu "verstehen" versucht, wird
erschüttert durch das Aufkeimen und -kommen des philosophisch-antiken
Naturverständnisses, insbesondere durch die platonische und
aristotelische Philosophie, die zwar selber nicht ganz ohne mythische
Elemente auskommt, deren Ideale aber das platonische "Rechenschaft
geben" über eine Sache und die Systematisierungstendenz gegenüber
der Natur sind. Hier tritt ein neues Paradigma hervor, das seine
Wahrheitskriterien in "Argumentationszusammenhängen, in Begründungs-
und Beweisstrategien" findet und das verzichtet auf die Nennung der dämonischen
und göttlichen Wesen, um Natur bzw. Welt und ihre Entstehung zu verstehen.
Mithin kann man auch sagen, daß dieser Paradigmenwechsel eine Verengung
des Weltbildes bedeutet. Die Reichhaltigkeit und Bildhaftigkeit der
magisch-mythischen Welterklärung wird eingeengt. "Die Natur
verstehen, Wissenschaft von der Natur betreiben heißt fortan, ihre
formalen Bedingungen und Gesetze verstehen, denen sie untersteht." Der nächste große Umbruch bzw. Einschnitt, der
geschieht, ist der Übergang vom antiken zum mittelalterlichen Naturverständnis.
Kennzeichen des Mittelalters ist eine Synthese aus christlicher Glaubensüberzeugung
und antikem Gedankengut. Diese Synthese hat zur Folge, daß etwas im
Verstehen der Natur eine Rolle zu spielen beginnt, was der antiken
kontemplativen Einstellung der Natur gegenüber, von der der Mensch ein
Teil ist, fremd ist. Nämlich: Nach dem Genesisbericht 1,1 hat Gott Himmel und Erde
und alles, was auf ihr ist: Pflanzen, Tiere und den Menschen als Krönung
der Schöpfung, geschaffen. Auch andere Religionen und archaische Mythen
kennen eine Schöpfung der Welt, ... . Während diese jedoch eine Formung
der Welt aus einem vorgegebenen Material im Auge haben, ..., läßt der
erste Schöpfungsbericht des Alten Testaments zwei Interpretationen zu:
eine schwächere, wonach Gott die Welt aus dem Chaos, dem Tohuwabohu, dem
"wüsten und leeren" Anfangszustand, durch Differenzierung
gestaltete, wie auch eine stärkere, wonach er die Welt formal wie
material aus dem Nichts erschuf. ... Mit der absoluten Erschaffung der
Welt aus dem Nichts verbindet sich eine Steigerung der Macht Gottes zur
unumschränkten Allmacht, die den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf
um so größer werden läßt. Unterstützt wird die Erhebung des Schöpfers
durch die Art und Weise der Schöpfung, die in magisch-mythischer Manier
durch das Wort geschieht, das Realisationskraft hat: Gott sprach, und es
geschah. Der Glaube an die Geschöpflichkeit der Welt unterscheidet das
christliche Verständnis radikal von der griechischen Ontologie, die von
der Ewigkeit der Welt, ihrer Unentstandenheit, Unvergänglichkeit und
Unwandelbarkeit überzeugt war. Diese Differenz herauszuheben ist deshalb wichtig, weil
auf der Dialektik zwischen dem, was göttlicher und dem, was nicht göttlicher
Natur ist, auch eine Bewertung der Natur aufbaut. Und diese Bewertung hat
zwei entgegengesetzte Seiten. Der einen zufolge wird die Natur positiv betrachtet,
als Produkt Gottes geachtet, geschätzt und verehrt unter Berufung auf die
Genesisstelle 1,31: "Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte; und
siehe da, es war gut." Von Augustin bis Leibniz, sogar bis in unsere
Zeit herein haben Theologen und Philosophen immer wieder versucht, unter
Hinweis auf die Stelle in der Natur das Positive zu sehen und das Negative
als ... Mangel und defizienten Modus des Guten einzustufen. ... Der
anderen Seite zufolge wird die Natur eher gering geschätzt, zu einem bloßen
außergöttlichen Produkt gestempelt und so eine entsprechende pejorative
Haltung des Menschen der Natur gegenüber gerechtfertigt. In dieser
Ambivalenz verharrt die christliche Einstellung zur Natur bis heute. Hinzu kommt noch, daß der Mensch auf der einen Seite
wie alle anderen Geschöpfe Geschöpf Gottes und damit Teil der Natur ist,
auf der anderen Seite ist er aber aufgrund seiner Ebenbildlichkeit mit
Gott und seiner Sohnschaft über die Natur gesetzt. Genügend bekannt ist
die Bibelstelle "Machet sie (die Erde) euch untertan", die wie
ähnliche Stellen, den Menschen zur Krone der Schöpfung erklärt, so daß
ihm die Natur als Mittel zu dienen hat. Diese Stelle rechtfertigt ein
Herrschafts-Knechts- oder Untertanenverhältnis zwischen Mensch und Natur,
das dem Menschen eine Herrschaftsrolle über die Natur einräumt, die alle
Arten der Einwirkung und des Eingriffs gestattet, von bloßer Bearbeitung
und Gestaltung bis zu Ausbeutung, Vergewaltigung und Technisierung. Hatte diese instrumentelle Sichtweise auf die Natur
schon Konsequenzen im Hinblick auf den Umgang mit der uns umgebenden Natur,
so bedeutet der Übergang vom mittelalterlichen Paradigma, das immerhin
noch christliche und damit auch ethische Punkte beinhaltete, zum
neuzeitlichen wissenschaftlichen Denken eine weitere Verschärfung. Im 16./17. Jahrhundert nämlich vollzog sich eine
radikale Änderung in der Naturauffassung, die zu einer Revolutionierung
des Weltbildes führte und als Mechanisierung desselben in die
Geistesgeschichte eingegangen ist. Die Natur wird hier nicht nur in
Analogie zur Maschine gesetzt, sondern sie wird mit der Maschine
identifiziert, womit sie, als der eigentliche Inbegriff dessen, was ohne
menschliche Planung und Eingriffe existiert, als Kunstprodukt genommen
wird. Aus dem Schöpfergott des Mittelalters ist der Technik- und
Maschinengott der Neuzeit geworden. In der Naturbetrachtung tritt an die
Stelle der platonischen Was-ist(-die-Natur)-Frage, die dem Wesen der
Gegenstände nachforscht, die reduziertere Frage nach dem äußeren Verhältnis
der Dinge zueinander. Es wird nur noch die Wie(-funktioniert-das)-Frage
zugelassen. An der Natur interessiert fortan nur noch das, was quantitativ
zugänglich, also das, was sich messen, wägen und zählen läßt. Nach
der neuzeitlichen Auffassung sind die Gesetze der Natur nicht aus Achtung
vor ihr zu erforschen, sondern ausschließlich um ihrer besseren
Beherrschbarkeit willen. Der Mensch wird gesehen als Herr und Besitzer der
Natur, der über diese Gericht hält und in Form einer Gerichtsverhandlung
die Natur hinsichtlich ihrer Gesetze befragt. Das mechanistische
Naturverständnis also hat zur Folge, daß die Natur mit einer Maschine,
also mit etwas Unbelebtem identifiziert wird, mit dem man - so darf
gefolgert werden - zweifellos auch anders umgeht als mit etwas Belebtem. Sieht man diese Entwicklungen und Veränderungen des
Naturbegriffs und bedenkt man weiter, daß sich die Situation seit der
Mitte des 19. Jahrhunderts durch das Heraufkommen des Historismus und des
Relativismus sicherlich nicht vereinfacht und weiter geändert hat, und
sieht man ferner, daß die Technisierung der Natur in Form von Kybernetik
und Gentechnologie in der Zwischenzeit noch weiter fortgeschritten ist, so
ist natürlich immer noch die Frage nach dem Sinn von Technik und
technischem Fortschritt relevant, die sich auf die Alternative bringen läßt,
ob Technik für den Menschen ein Mittel zur Naturbeherrschung oder ein
Selbstzweck und somit ein Ersatz für Natur sei. Natürlich ist es klar
und sinnvoll, daß der Mensch mittels der Technik und der
Naturbeherrschung im Kampf ums Überleben und in der Auseinandersetzung
mit der Natur versucht, seine Kräfte, Fähigkeiten und Vermögen zu
steigern, einerseits um die negativen, zerstörerischen Mächte der Natur,
die heutzutage meist nicht gesehen werden, abzuhalten, andererseits um
sich die positiven nutzbar zu machen, sei es zur Erfüllung seiner
Grundbedürfnisse wie Essen, Kleiden und Wohnen. Andererseits ist aber
auch klar, daß die Natur heute zum Objekt degradiert ist und wir keinen
schonenden Umgang mit ihr pflegen. Eine Philosophie nun, die uns in gut aufklärerischer
Manier dies alles vor Augen führt und uns in klarer Weise zeigt, welche
Auffassungen es von der Natur gab, und die uns indirekt auch zeigt, daß
in der gegenwärtigen politischen Auseinandersetzung mit einseitigen
Naturbegriffen und damit polemisch gearbeitet wird, tat schon lange not.
Das überaus Positive an dem Buch von Karen Gloy ist es denn auch, daß
sie es versteht, einen komplizierten Sachverhalt ohne Hysterie oder
Polemik zu schildern. Sie zeigt den erkenntnistheoretischen Hintergrunds-
und Grundlagenaspekt einer schon länger geführten politischen Debatte,
die durch sachliche, historische und begriffliche Unkenntnis und Unschärfe
besticht. Nicht nur, aber auch aus diesem Grund sei dieses Buch allen in
der Umwelt- und Naturdebatte involvierten Kontrahenten und nicht nur
diesen aufs Wärmste empfohlen; denn der Nachvollzug des ruhigen und
soliden Gangs der Interpretation einer langen Geschichte des
wissenschaftlichen Denkens über die Natur klärt vielleicht den Blick und
verhilft ebenfalls vielleicht zu einer weniger hitzigen und weniger
unsachlichen bzw. oberflächlichen Diskussion in der heutigen Zeit. Auch
wenn die Philosophie - wie schon Heidegger bemerkte - keine unmittelbare
Veränderung des jetzigen Weltzustandes bewirken kann, noch diesen in Form
des vorliegenden Bandes anstrebt, darf man auf eine Wirkung des Buches
hoffen, die den ethischen Aspekt der hier beschriebenen
erkenntnistheoretischen Seite betrifft. Klar sein sollte aber auch, daß das Erschließen der
Qualitäten des Buches, das entgegen verbreiteter gegenwärtiger Moden
nicht in einem saloppen assoziativen, dafür in einem klar
argumentierenden Stil geschrieben ist, eben deswegen einen längeren Atem
und Gedankenarbeit erfordert, deren Lohn freilich eine läuternde
Erkenntnis sein könnte. Durch die Beschreibung der Änderungen unseres
Blicks auf die Natur läßt sich also etwas über unseren Umgang bzw.
etwas über unser Verhalten gegenüber der Natur entdecken. |
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