|
schwarz-auf-weiss |
texte
|
|
| themenliste ... > |
Elektronisches Lernen - von Dorothea Hoppe-Dörwald, Buchen - In
aller Munde ist es, das neue Zauberwort, das unser Lernverhalten, unsere
Lernfähigkeit, unsere Lernmotivation, unsere Lernerfahrungen, unsere
Lernmöglichkeiten, unser lebenslängliches Lernen optimieren,
vereinfachen, kompensieren, erleichtern, flexiblisieren und maximieren
wird: e-Learning! Immerhin
hat das Thema e-Learning bereits die erste Ernüchterungswelle hinter
sich gebracht und rasch wie wir mit unserer Lernauffassung mittlerweile
geworden sind, merken wir, die Verheißung des Lernerglückes liegt
nicht im reinen Lernen mit dem Partner Computer, sondern in einer geglückten
Kombination von Mensch und Maschine, der Lerner fungiert mittlerweile
immer perfekter als Mensch-Maschine-Schnittstelle, aber Vorsicht, fragen
sie einen Informatiker, der wird ihnen sagen, was eine wirkliche
Mensch-Maschine-Schnittstelle ist. Hier
geht es um einen anderen Begriff, denn wir haben ja gelernt, dass alles
besser ist, wenn wir rasch ein neues und möglichst englisches Wort
haben, und das wurde gefunden, um den neuen Umstand, dass
der Mensch im Lernen noch nicht gänzlich überflüssig geworden ist, zu
benennen. Zukunft
wird nicht das nackte elektronische Lernen haben, Zukunft wird das so
genannte „Blended Learning“ haben. Hier ist die optimal
ausbalancierte Mischung elektronischer Lerneinheiten mit Präsenzveranstaltungen
gemeint, um ein bestmögliches Lernergebnis des Lerners zu erzielen.
Aber dies ist nicht vom Lerner aus gedacht, nicht uneigennützig in der
Weise, dass
jemand sich aus „Freude am Lernen“ weiterbildet; es ist vielmehr rein
wirtschaftlich betrachtet, denn der Bereich des Lernens ist mittlerweile
ein starker wirtschaftlicher Faktor geworden. Ziel
von Lernen ist heute immer weniger die intensive Auseinandersetzung mit einem
Thema, vielmehr dient das Lernen heute mehr und mehr der Gewinnmaximierung und der Wertschöpfung um
jeden Preis. Nun
stellt sich die Frage, welche Bedeutung Lernen heute überhaupt noch
hat. Die
Anforderungen an den autonomen und hoch motivierten, lernbegierigen und
unersättlichen Lerner sind die, dass er sich von selbst an den
Schreibtisch setzt. Die Vorteile sind ebenfalls genau definiert, denn
nichts ist angenehmer als nach eigener Zeiteinteilung lernen zu dürfen.
Elektronisches Lernen und die Bewerbung deselben läuft immer über die
Schlagworte „flexibel und autonom“, „freie Zeiteinteilung und
selbst bestimmtes Lernen“. Zugegeben, Begriffe die in unsere Zeit
passen, die sich nur und ausschließlich mit der individuellen Persönlichkeitsentwicklung
beschäftigt, der Selbstverwirklichung und Freiheit, losgelöst aus
bindenden Beziehungen. Und trotzdem
sind es Werbe-Bilder von Menschen in Gärten mit ihren elektronischen
Geräten auf dem Schoß und den entspannt spielenden Kindern mit Hund im
Hintergrund die mitgeliefert werden, so dass sehr rasch deutlich wird,
es gibt nichts schöneres, als die Lernarbeit nach der Arbeit. Im
Weiterbildungssektor zur innerbetrieblichen Steigerung der
Aufstiegschancen macht das alles vielleicht noch Sinn. Gelernt wird bis
ans Arbeitsende, in der Hoffnung den Arbeitsplatz auf diese Weise
sichern zu können, als Ressource Mensch quasi nie ausgeschöpft werden
zu können, ist immerhin ein Ziel. Es zählen nicht die Erfahrungen, die
bereits gemacht wurden, sondern die Lernerfahrungen, die potentiell
machbar sind. Es werden keine Schlüsse aus dem gezogen, was einem im
Laufe der Tätigkeit widerfährt, sondern es findet ausschließlich eine
Ausrichtung nach dem statt, von dem man sagt, es sei für dieTätigkeit
wichtig oder könne es werden. Gefördert wird also der
autonome Lerner, der jedoch nicht autonom handeln darf. Eine andere Frage tut sich auf, wenn wir einen Blick auf die jungen Menschen werfen, die die Schulbank drücken und später dann zum Teil die Hochschulen besuchen werden. Ihnen wird nachgesagt, dass sie zum überwiegenden Teil nicht mehr lernen können bzw. teilweise nicht mehr beschulbar seien. Zappeligkeiten und Konzentrationsunfähigkeiten und Perspektivlosigkeit sind Schlagworte, die mit diesen Schülern in Verbindung gebracht werden. Sie werden auch beschrieben als Multitaskingspezialisten und emotionslose Tyrannen, die anscheinend zwischen permanenter Überbehütung und Übersättigung oder sozialer Verwahrlosung pendeln. Dabei werden bei ihnen größtenteils die sogenannten „social skills“ vermisst, genau die Fähigkeiten, die aus Egomanen gesellschaftskompatible Wesen machen sollen, um später optimal zu „performen“.
Diese
jungen Menschen sind mit elektrischen Geräten aller Art groß geworden
und auch mit Lernprogrammen, z.B. mit Vokabeltrainern am Computer, Frühförderprogrammen
für unsere Kleinsten im Vorschulalter und anderen viel versprechenden
Lernhelfern, die bereits im Kindergartenalter die Angst vor den
Computern abbauen und den Umgang mit Technik trainieren sollen. Das müsste doch
hoffen lassen, da müssten sich doch ganz neue Lernqualitäten
herausgebildet haben, die auf schnelle Auffassungsgabe und autonomes
Lernen mittels Technik hinweisen. Und
weiter wird geträumt: vom „virtuellen Campus“ und dem virtuellen
Klassenzimmer. Die Berufe der Zukunft werden dann E-Trainer,
E-Professor, E-Mutter und E-Arzt heißen.
Und doch soll sich hinter den „E-Personen“ ein echter Mensch
verbergen, zumindest eine Person, die eine Ausbildung absolviert hat,
die sie befähigt, den Anforderungen der digitalisierten Kommunikation
gewachsen zu sein. Darunter ist jemand zu verstehen, der die Technik
sowieso perfekt beherrscht, der den Teilnehmern über alle technischen
Pannen und Probleme hinweghilft, der zugleich aber auch
Kommunikationsfachmann, Coach, Supervisor, Tutor und Kontrolleur
ist. Ein Multitalent also, ein Multitasking-Spezialist mit hohen
menschlichen und psychologischen sowie pädagogischen und sozialen Fähigkeiten,
ein Supermann, der Technik und „sozial skills“ in sich vereint, jedoch
so gut wie nie sichtbar wird. Der Betreuer und gute Geist aus dem Netz. Doch
der Trend geht ganz eindeutig in eine andere Richtung. Das allgemeine
Unterrichts-Niveau scheint immer mehr abgesenkt werden zu müssen, um einen
Grossteil der jungen Menschen überhaupt irgendeinem Abschluss zuführen
zu können.
Das
langsame Schwinden des Niveaus und das Ausbreiten des Mittelmaßes macht sich nur schleichend
breit. Und es wird
nicht gerne offen über die bestehenden Defizite gesprochen; schon jetzt
herrscht eher Angst vor weiteren Enthüllungen, wie sie die Pisa-Studie
an den Tag brachte. Aber nach alt bekannter Manier wurde alles so lange
wie nötig diskutiert und in der Presse durchgekaut, so dass nun
niemand mehr Lust hat zuzuhören oder über dieses Thema überhaupt noch
zu sprechen. Eine Stimmung, die ideal ist, um die Missstände wieder unter den Teppich zu
kehren und sich keinen verstörenden Neuerungen wirklich hingeben zu
müssen.
Nach dem Motto „Augen zu und durch“ haben sich ja schon viele
Jahre bewährte Bildungspolitik aneinander gereiht. Der
„E-Himmel“ verheißt Rettung! Die Technik macht es möglich,
Lerneinheiten in kleine unterhaltsame Lernhäppchen zu verpacken, zum
Nachtisch gibt es dann noch ein Lernbonbon von lächerlichen fünf
Minuten, da wird Lernen zum unterhaltsamen Event, abwechslungsreich,
farbenfroh und verbraucherfreundlich im Design, Appetit anregend durch
Applausmaschinen bei jeder richtigen Antwort. Wer möchte da nicht
mitmachen? Fachleute haben lange an der idealen didaktischen
Aufbereitung komplizierter Inhalte in leicht verständliche Module
gearbeitet, alles so zusammengebastelt, dass die einzelnen Bausteine möglichst
häufig wieder verwendbar sind, damit die Kosten-Nutzen-Rechnung auch
aufgeht, denn „E-Einheiten“ zu erstellen ist teuer. Das
heißt Lernen wird reduziert auf seinen „Fun-Factor“, die kleinen
Comicclips in den Lernprogrammen machen es deutlich, es ist kinderleicht,
unterhaltsam und kurzweilig. Und
so langsam wird in aller Traurigkeit deutlich - die eingangs gestellte
Frage kann nur mit einem schalen Gefühl über eine ungute Entwicklung
beantwortet werden. Die
Bedeutung von Lernen scheint heute zu schrumpfen auf die
Hoffnung der Beherrschung moderner Techniken. Doch
wie soll man eine Technik nutzen, wenn zuvor verpasst wurde, wirklich
das Lernen zu lernen. Was nützen farbenfrohe Lernplattformen und ein Überangebot
an Seminaren und Kursen, wenn die Basis fehlt und die Übung in Sachen
Lernen. Wer nie lernte Fragen zu stellen, der wird es schwer haben,
Antworten auf Fragen im Netz zu suchen bzw. zu finden.
Wonach soll gefragt und wonach gesucht werden? Eine Maschine kann immer nur so gut sein, wie der Mensch, der sie bedient und gute Lerner werden die Menschen nicht durch Maschinen, wenn sie niemanden haben, der ihnen real vermittelt, dass Lernen den Zugang zu sich selbst bedeutet und den persönlichen Weg im Ringen um Fragen und Antworten, im Kämpfen um Verständnis und im Überwinden von Irrtümern. Um diese Erfahrungen machen zu können bedarf es einer „Face-to-face-Kommunikation“, aber auch der Zeit und der Neugierde. |
|