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Disziplin, Drill und Gewalt - führen zu NICHTS! - von Uwe Dörwald -
Aus Anlaß der Debatte um sekundäre Tugenden, um Werte, die sicher wichtig, aber nicht absolut zu setzen sind, und aus Anlaß der Forderung und der Rufe nach dem Wieder-Einzug und der Restitution gerade dieser Tugenden in unseren Bildungseinrichtungen sei an ein paar alte Erkenntnisse erinnert. Zum einen an eine triviale Regel die gelten muss, wenn man eine offene und pluralistische und mithin freiheitliche Gesellschaft will, nämlich:
Dies scheint in unserer Gesellschaft nicht mehr ganz klar zu sein; denn es hat den Anschein als wolle man einen Pluralismus, der bestimmte Gegebenheiten, die von der Leitkultur definiert werden, ausklammern.
Und dann sei an ein paar wenige, ältere, aber deshalb nicht veraltete oder gar falsche Erkenntnisse aus der Psychoanalyse erinnert, die man bedenken sollte, bevor man z.B. in Kindergärten oder Schulen wieder die sprichwörtlich guten und alten Tugenden einführt bzw. reanimiert.
Der
Psychoanalytiker Mario Erdheim, der Ethnologie, Geschichte und Psychologie
studierte, schreibt in dem von ihm zusammen mit Maya Nadig herausgegebenen
Aufsatzband >>Die Pschoanalsye und das Unbewußte in der Kultur<<
u.a. über das Faszinosum der Gewalt. Die Auseinandersetzung mit Gewalt
sei auch immer eine Auseinandersetzung mit der Faszination, welche die
Gewalt auf den Menschen ausübe. Die Faszination der Gewalt ist die
Voraussetzung dafür, sich mit dem Stärkeren, dem Unterdrücker zu
identifizieren, sein repressives Handeln und Verhalten anzuerkennen. Der
naturwüchsigen Identifikation mit dem Stärkeren und der damit
verbundenen Faszination der Gewalt steht die Identifikation mit dem Schwächeren
gegenüber. Diese Identifikation, die das Entsetzen vor der Gewalt zur
Bedingung hat, bezeichnet Erdheim als eine kulturelle Leistung, zu der der
Mensch erst im Verlaufe seiner Entwicklung gelangt ist. Man
kann nun davon ausgehen, daß die Aufrichtung und Durchsetzung von
Herrschaft von der unterworfenen Mehrheit in der Geschichte nicht
widerspruchslos hingenommen worden ist; denn niemand läßt sich gerne
unterdrücken. Es stellt sich also die Frage, weshalb es zur Anerkennung
der Gewalt von Herrschenden und Unterdrückern kommen konnte. Es ist
sicher schwierig, angesichts der Gewalt, über welche Herrschaft verfügt(e),
Widerstand zu leisten. Eine Reaktion auf die Ausdehnung von Herrschaft ist
Aggression, die aber verdrängt werden mußte, wollte man nicht mit
Herrschaft in Konflikt geraten. Diese Aggression, die sich gegen
Herrschaft richtet, wird verdrängt, ist also unterschwellig vorhanden,
ist unbewußt gemacht worden. Dem
Prozeß der fortschreitenden Rationalisierung, die als Mittel der
Erkenntnis von Natur und Kultur eingesetzt wird, steht eine Zunahme von
Unbewußtheit gegenüber. Dieses Potential an Unbewußtem ist all das, was
im Sinne von Herrschaft nicht sein darf. Das
unbewußt gemachte Potential an Aggression stellt die Quelle der
Faszination von Gewalt dar. In diesem Potential kehrt die verdrängte Wut
wieder, die die uns von den Herrschenden zugefügten Kränkungen
hinterlassen haben, und die verdrängte Scham darüber, daß wir
Kompromisse geschlossen haben, die wir "eingehen mußten", um
von den Herrschenden anerkannt oder auch nur von ihnen in Ruhe gelassen zu
werden. Das
unbewußt Gewordene - die Kränkungen, die Scham und die Aggression - ist
nun aber keineswegs unwirksam. Das Unbewußte bedrängt vielmehr das Bewußtsein.
Der Prozeß der Reflexion über die Faszination der Gewalt und über das
Phänomen, daß sich der Schwächere tendenziell mit dem Stärkeren
identifiziert - lieber an der Gewalt, deren Effizienz er an sich erfahren
hat, teilhat und zwar nicht als Opfer, sondern als Täter -, kann zur
Erkenntnis der Mechanismen der Unterdrückung führen. Grundsätzlich
muß man jedoch eingestehen, daß das Phänomen der Faszination von Gewalt
schwer - und wissenschaftlich kaum - zu fassen ist. Ein gutes Beispiel für
die Hilflosigkeit der Wissenschaften sind die Menschenopfer, die in
verschiedenen Religionsgemeinschaften üblich waren.
Die Theorien darüber lassen sich auf drei Denkmodelle reduzieren: 1.
Das idealisierende Modell Dieses
Modell verleugnet die Gewalt, auf der die Menschenopfer beruhen. Der
"tiefste Beweggrund für das Opfer ist der Trieb, etwas freiwillig zu
geben.. Das Beste (das Leben) soll der Gottheit geschenkt werden. Das größte
und vollkommenste Opfer ist, wenn der Mensch sich selbst hingibt." In
diesem Modell ist nie die Rede von der Gewalt, die dem Opfer angetan wird,
sondern nur von der Frömmigkeit, in deren Zeichen sich die Menschen gerne
opfern.
2.
Das utilitaristische Modell Dieses Modell versucht die Menschenopfer - schon zynisch - mit Nützlichkeitserwägungen zu erklären. (Zu untersuchen wäre hier übrigens, ob ein Zusammenhang zwischen dem wissenschaftlichen Fortschritt, der in der Entwicklung vom idealisierenden zum utilitaristischen Modell besteht, und dem wachsenden Zynismus in der Geschichte herstellbar ist; zu verweisen ist auf Sloterdijks "Kritik der zynischen Vernunft"). Dieses Modell erklärt z.B. die Menschenopfer der Azteken und den Kannibalismus mit dem Mangel an Eiweißquellen. Das Menschenopfer erscheint so als Ersatz für Beefsteak. Nicht
erklärt werden kann mit diesem Modell der gesellschaftliche Aufwand und
Pomp, die diese Opfer begleiten. Die die Opfer begleitenden Rituale dulden
keinen Vergleich mit dem einfachen Vorgang der Zubereitung von Beefsteak.
3.
Das entfremdete Modell Dieses Modell erklärt die Opferriten als Schöpfungen des Teufels. Es wurde von den Mönchen aufgestellt, die das Christentum in andere Kontinente brachten und es diente ihnen zur Ausrottung der Menschen, die diesen seltsamen Ritualen anhingen. Diese Menschen konnten nur das Böse in sich haben, wenn sie Menschen opferten, und wenn man diese Menschen umbrachte, dann rottete man auch das Böse aus.
In
einem weiteren Aufsatz in dem erwähnten Sammelband befasst sich M.Erdheim
mit den Techniken der Disziplinierung des Menschen. In der Geschichte der Menschheit sind immer neue Disziplinierungstechniken entwickelt worden, die den Menschen zu für Herrschaft geeignete Untertanen mach(t)en. Z.B. haben die Schule, das Militär und andere Institutionen der Gesellschaft disziplinierende Funktion, worauf auch M.Foucault in seinem Buch "Überwachen und Strafen" hingewiesen hat. Der
Mensch muß demnach lernen, sich unterzuordnen, gleichzeitig aber auch
seine bisherigen Freiheiten zu verdrängen. Nietzsche beschreibt den
Vorgang der Disziplinierung in seiner Genealogie der Moral so:
Eine
der wirksamsten Techniken zur Disziplinierung ist die, den Menschen das
Leid in Erinnerung zu rufen, das ihnen blüht, wenn sie sich nicht
unterordnen. Man brennt etwas ein,
damit es im Gedächtnis bleibt: nur was nicht aufhört, weh zu tun, bleibt
im Gedächtnis. Ein extremes Beispiel für diese Art der
Disziplinierung sind öffentliche Hinrichtungen, die sowohl Macht
demonstrieren als auch abschrecken.
Die Frage, die sich von der Seite der Herrschenden her stellt, ist die, wie man den Menschen das Wissen einbrennt, daß es Herrschende und Beherrschte zu geben hat, und daß dies auch gut so ist.
Um
dieses Wissen zu erreichen, durfte die Wut und der Haß auf die
herrschenden Verhältnisse der Unterdrückung nicht bewußtseinsfähig
werden, mußte unbewußt gemacht werden. Institutionen,
die besonders geeignet sind, diesen Prozeß zu fördern, sind die Kirche
und das Militär, die schon Freud in "Massenpsychologie und
Ich-Analyse" der Betrachtung unterworfen hat. Freud beschreibt dort
die Mechanismen, die etwas unbewußt werden lassen. Unbewußtheit ist die Voraussetzung für das Funktionieren der Gesellschaft.
Die
Dynamik der Gesellschaft, die beschleunigte Zeit läßt es scheinbar immer
weniger zu, sich Zeit zu nehmen, sich darüber bewußt zu werden, welche
Mechanismen in ihr wirksam sind. Das Tempo der gesellschaftlichen
Entwicklung, der Zeitfaktor, der Mangel an Zeit zur Reflexion ist heute
ein Faktor der fortschreitenden Unterdrückung. Der Mangel an Zeit ist
allerdings ein gemachter. Was
nun gesellschaftliche Strukturen betrifft, so kann man zwischen kalten und
heißen Kulturen unterscheiden. Kalte
Kulturen versuchen den historischen Wandel einzufrieren und streben
danach, gegen jede Veränderung ihrer Struktur, die ein Eindringen der
Geschichte ermöglichen würde, verzweifelt Widerstand zu leisten. Statt
Fortschritt herrscht Wiederholung. Heiße
Kulturen hingegen haben ein gieriges Bedürfnis nach Veränderung; sie
nehmen die Ablehnung von Wandel und Geschichte mit Verachtung zur Kenntnis. Mit
der Zunahme des Bewußtseins der Schwierigkeiten des Fortschritts wächst
aber das Verständnis, ja die Bewunderung für Kulturen, denen es gelungen
ist, die Geschichte einzufrieren. Hierauf verweist das Interesse an den
Lebensgewohnheiten anderer Kulturen, das erst Mitte der siebziger Jahre
massiv einsetzte und z.B. in Frankreich die Ethnologie zu einer geachteten
Wissenschaft werden ließ. Es wäre allerdings naiv zu glauben, daß Heiße
und Kalte Kulturen in reiner Form vorkämen. Es ist z.B. evident, daß
unsere Gesellschaft, obwohl dem Fortschritt ergeben, keineswegs eine Heiße
Kultur in Reinform ist. Sie verfügt über Kühlapparate. Diese
Kühlapparate haben die Funktion, den Wandel zu kontrollieren. Besonders
jene Teile einer Gesellschaft, deren Wandel die etablierte Herrschaft und
ihre Dynamik in Frage stellen könnten, werden durch Kühlsysteme
abgesichert. Nicht soll hier die Frage interessieren, was zur radikalen
Kritik, also zum Sturz von Herrschaft führen könnte, sondern ein Kühlsystem
soll beschrieben werden. Eine
Eigenschaft von Kühlsystemen ist die, daß ihre Kälte das Bewußtsein
der in ihnen lebenden Individuen affiziert; Kühlsysteme bremsen die
Entwicklung von individuellen Lernprozessen, das Individuum verfällt in
eine Art Starre bzw. Winterschlaf, wenn es nicht zu sich kommen kann bzw.
wenn man es nicht zu sich kommen läßt. So gesehen bewirken Kühlsysteme
die Verstümmelung bzw. das Verschwinden des Individuums. In
der industriellen Gesellschaft hat das Militär die Funktion eines Kühlsystems. Es
unterstützt selten Revolutionen und sorgt meist - im Sinne von Herrschaft
- für Ruhe und Ordnung. Freud stellte in dem erwähnten Aufsatz die
These auf, daß das Individuum, sobald es unter den Einfluß von
Institutionen der Herrschaft gerät, regrediert. Außerhalb der
Institutionen ist der Einzelne durchaus kritisch und zu autonomen
Handlungen fähig, also eine mündige Persönlichkeit im Sinne Kants;
innerhalb von Institutionen fallen diese Ich-Funktionen weg. Es kommt zu
einem Denken in Wunschbildern, zur Kritiklosigkeit sowie zur Forderung
nach Illusionen, die fortan das Handeln des institutionalisierten
Individuums bestimmen. Die
Forderung nach Illusion erfüllt die Doktrin der Institution und die Rolle
des Führers, ohne den sich das regredierte Individuum verloren fühlen würde.
Da man sich zu Vorgesetzten nicht akzeptierend oder ablehnend verhalten
kann, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich mit ihnen zu
identifizieren, man nimmt sie und ihre Befehle hin. Dies bedeutet einen
Schwund der Persönlichkeit. Um dieses Nicht-Individuum entstehen zu
lassen, wurde der Drill erfunden. Er ist dazu da, aus Individuen eine
Masse, einen formbaren Körper entstehen zu lassen, über die/den man
willkürlich verfügen kann. Wesentlich am Drill / an der DISZIPLIN ist
daher die Austreibung des kritischen Bewußtseins und die Einübung von
Verhaltensweisen, deren Sinn nicht einsichtig ist. (Die Einübung von
nicht einsichtigen Verhaltensweisen ist universell, sie ist nicht nur ein
Phänomen des Militärs, sondern findet sich auch in der Wirtschaft und
Industrie. Man braucht sich nur einmal(!) zu überlegen, wieviele
unsinnige Tätigkeiten man unreflektiert ausführt, ohne gegen diese - aus
begründeten oder unbegründeten Ängsten - zu rebellieren. Der Drill
dient gerade dazu, den Leuten die Frage nach dem Sinn, die Frage nach dem
Warum abzugewöhnen und damit die Realitätsprüfung (bzgl. ihrer
Sinnhaftigkeit) abzubauen. [Hiermit in Zusammenhang steht die Denkstruktur
des deutschen Bürokraten der Tätigkeiten u.a. mit dem Argument "Wenn
ich es nicht tue, dann tut es jemand anders." legitimiert. Diese
Denkstruktur wurde vom Faschismus ausgenutzt. Auf der Basis dieses Denkens
war die industrielle Vernichtung der Juden denkbar (vgl. die Arbeiten von
Raul Hilberg/Alfons Söllner/Franz.L.Neumann). Ein italienischer
Polizist hingegen, der aufgefordert war, Juden aus den von Italien
besetzten Gebieten in Jugoslawien nach Deutschland zu deportieren,
weigerte sich dies zu tun; er konnte sich weigern, weil die Denkstruktur
italienischer Bürokraten scheinbar anders ist, sie funktioniert nach dem
humaneren Gesetz "Wenn ich es nicht tue, dann kann ich mir relativ
sicher sein, daß es auch kein anderer Polizist tut." Das Argument
"Wenn ich es nicht tue, dann tut es jemand anders." ist eines
mit dem noch heute Druck auf Menschen ausgeübt wird. Wenn es heute noch
erfolgreich benutzt werden kann, dann zeugt dies von einem Mangel an
historischem Bewußtsein.] Die
Armee ist nicht nur für den Krieg da, sondern auch für den Frieden. Sie
zementiert eine Situation. Militär ist eine Maßnahme der herrschenden
Klasse, um das Bewußtsein der Menschen zu kontrollieren und(!)
strukturieren zu können, das Militär steht nicht zu Unrecht im Rufe, die Schule der Nation zu sein. Die Kaserne ist eine
Mustererziehungsanstalt. Das Militär vollendet am Heranwachsenden, was
Schul- und Lehrzeit nur zum Teil vollbracht haben und vermitteln konnten:
die gesellschaftliche Produktion von Unbewußtheit, d.h. man hat, hat man
diese Laufbahn hinter sich, gelernt in den Kategorien der Herrschenden zu
denken; das Vorhandensein von Kritik weist u.U. nur daraufhin, daß die
herrschende Klasse ein bestimmtes Maß, nämlich das wahrnehmbare Maß, an
Kritik zuläßt. Tiefergehende Kritik, die grundsätzliche Fragen stellt,
ist/bleibt verboten bzw. illegitim. Vorhandene Kritik kann die Funktion
haben, Herrschaft zu befestigen, sie hat Alibicharakter. Beim
Militär "zum-Mann-werden" bedeutet, den Standpunkt von
Herrschaft (gelernt zu haben) zu akzeptieren: Herrschaft männlich zu
ertragen und eine Stütze der Gesellschaft geworden zu sein! Der Preis
allerdings ist der Verlust der Persönlichkeit und der Freiheit.
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